Rezension zu Kinderheim Baumgarten

Zeitschrift für Sozialpädagogik, 10. Jg. 2012, Heft 1

Rezension von Prof. Dr. Michael Winkler

Barth, Daniel: »Kinderheim Baumgarten. Siegfried Bernfelds ›Versuch mit neuer Erziehung‹ aus psychoanalytischer und soziologischer Sicht«,
Gießen: psychosozial Verlag 2010

Zu den erstaunlichen Phänomenen der Erziehungswissenschaft und der Sozialpädagogik gehört, dass Siegfried Bernfeld für das 20. Jahrhundert als der Klassiker schlechthin zu gelten hat. Ingrid Lohmann, Ritzi und Horn, auch andere Untersuchungen zu pädagogischen Klassikern haben das auf unterschiedlichen Wegen mehrfach bestätigt. Bernfeld wird an erster Stelle genannt, wenn die wichtigsten Autoren, Theoretiker oder schreibenden Praktiker aufgezählt werden, mit ihm befassen sich sogar die (längst raren) Lehrveranstaltungen, welche sich mit Texten auseinandersetzen. Erstaunen muss dieser Rang aus mehreren Gründen. Zum einen war Bernfelds Ansehen keineswegs sehr groß, weder unter den Reformpädagogen, denen er heute zugerechnet wird, noch unter den Vertretern der geisteswissenschaftlichen Pädagogik. Aus heutiger Sicht lassen sich ihre Vorbehalte sogar nachvollziehen, zu sehr war ihm die Macht jener Triebstrukturen bewusst, die zwar sublimiert als pädagogischer Eros erschienen, ohne jedoch wirklich in ihrer Bedeutung erkannt zu werden. Dokumentiert ist jedenfalls, wie Eduard Spranger dem noch recht jungen Bernfeld die Nutzung von Räumen der Berliner Universität untersagte, zu Lehraufträgen kam es schon gar nicht. Bernfeld galt als Marxist, Psychoanalytiker und war Jude, für große Teile des akademischen Betriebs gab es nichts Schlimmeres. Hätten die pädagogischen Zeitgenossen gelesen, was er geschrieben hat, wären sie wohl endgültig erstarrt. Denn die verehrten Erzpädagogen, Fröbel oder der heilige Pestalutz kommen bei ihm nicht gut weg, genauer: die Heiligungsakte, mit welchen Klassiker der Pädagogik ordentlich immunisiert wurden, fanden seinen Spott ebenso wie die Versuche, durch Erziehung für den Fortschritt der Menschen sorgen zu wollen. Zwar stand Bernfeld selbst einer solchen Ambition ursprünglich gar nicht abgeneigt gegenüber und verlor die Möglichkeit einer sozialistischen Erziehungskritik keineswegs aus den Augen. Dennoch plädierte er für Nüchternheit wobei sein strenges Plädoyer für Rationalität und Wissenschaft sich im Kern als Verteidigung eines eher positivistischen und sozialtechnologischen Denkens lesen lässt. Verdächtig macht ihn jedenfalls, wie er den Pädagogen gegenüber allem idealisierenden Überschwang eine Tatbestandsgesinnung abverlangt und von den Tatsachen spricht, für deren Beschreibung und Analyse er ein theoretisches Modell entwickelt, das zumindest eine Erklärungsfunktion hat, die in das professionelle Handeln von Pädagogen eingeht. (Es wäre übrigens spannend, der Frage nachzugehen, ob Bernfeld nicht sogar durch die Debatten im Wiener Kreis beeinflusst wurde, die dank der Caféhauskultur weit in die intellektuelle Öffentlichkeit getragen wurden; der Zug physikalistischen und sprachlogischen Denkens, der den Positivismus auszeichnet, dann Hoffnungen in eine Sozialtechnologie verbreitet, wie die Beispiele des »linken« Otto Neurath und später das Karl Raimund Poppers zeigten, der wenigstens zum äußeren Wiener Kreis gerechnet wird.)

Später geriet Bernfeld als Emigrant zunächst in Vergessenheit und wurde erst durch die 68er, die Kinderladenbewegung und durch die radikale Kritik an der herrschenden Erziehungspraxis sowie ihrer Legitimationsfiguren wieder entdeckt; nebenbei: eine Kritik, die sich im Nachhinein bestätigt hat und heute gegen¬über den Vorwürfen ideologischer Motiviertheit rehabilitiert ist. Bernfeld stand für marxistische Theorie und für die Psychoanalyse, die zu diesem Zeitpunkt in Europa und insbesondere im deutschsprachigen Raum ebenfalls ein Mauerblümchendasein fristete, in den USA hingegen in einem technischen, sogar gesellschaftsaffirmativen Verständnis weiter entwickelt worden war (vgl. Zaretzky 2009). Dieser Rezeptionskontext ließ ihn allerdings für die geisteswissenschaftliche Pädagogik erneut als kontaminiert erscheinen. So ist es kein Zufall, dass sein »Sisyphos« 1967 im Suhrkamp Verlag erschien, dem man Nähe zur Pädagogik nicht nachsagen konnte (und kann). Die dreibändige Ausgabe von Schriften Bernfelds, die Lutz von Werder und Reinhart Wolff unter dem etwas irreführenden Titel »Antiautoritäre Erziehung und Psychoanalyse« herausgegeben haben, war durch den Verlagsort diskreditiert; das konnte nicht einmal der Nachdruck in der Materialien genannten Reihe des Ullsteinverlags heilen, die dann noch in der Textzusammenstellung geändert worden war, was ordentliche bibliographische Angaben zum Hasard werden ließ und lässt. Die von Ulrich Hermann geplante große Ausgabe blieb ein Torso, seit kurzem erst sind einige Bände im Psychosozial-Verlag angekündigt, aber noch nicht veröffentlicht.
Kurz und gut: in rezeptionsgeschichtlicher Perspektive lässt sich nicht so einfach erklären, warum Bernfeld zum Klassiker der Zunft geworden ist. Befürchten muss man sogar, dass er in diesen Rang erhoben wurde, weil ihm das Schicksal widerfuhr, das den Klassiker par excellence auszeichnet: Man hat ihn nicht wirklich gelesen. Pädagogen schielen ja auf Praxis und Reform, gegenüber Büchern kultivieren sie den Affekt, mit dem sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Weg zur Modernisierungskraft gemacht haben. Der Verdacht der Nicht-Lektüre trifft sogar die von ihm geprägte Standarddefinition von Erziehung, die heute zwar zum Prüfungswissen selbst angehender Lehrer zählt, aber nur selten in ihren Implikationen bedacht wird: »Die Erziehung ist danach die Summe der Reaktionen einer Gesellschaft auf die Entwicklungstatsache« (Bernfeld 1967, S. 51). Diese Bestimmung erweist sich bei genauer Lektüre nämlich als ziemlich vertrackt; es verblüfft sogar, wie Bernfeld unter Bezug auf diese für einen sozialwissenschaftlichen oder soziologisch inspirierten Zugang in Anspruch genommen wird. Bernfeld hält nämlich nachdrücklich fest, dass es sich bei Erziehung um einen Tatbestand ganz eigener Art handelt: Erziehung lässt sich nicht, wie das verbreitete Missverständnis lautet, aus der Gesellschaftsstruktur ableiten, sie ist kein soziologisches Epiphänomen. Sie hat vielmehr eine eigene Logik, in der sie erkannt und begriffen werden, der man praktisch folgen muss, mit der sie gegenüber manchen an sie gerichteten Erwartungen resistent wird- im Guten wie im Schlechten.. Hinzu kommt - noch provozierender für die Mehrzahl sozialwissenschaftlich denkender Pädagogen: Die Besonderheit des Tatbestandes Erziehung ergibt sich daraus, dass zwei Voraussetzungen interagieren und den Erziehungssachverhalt konstituieren, nämlich »die biologische und die soziale«, Voraussetzung, die ihrerseits durch das gerahmt werden, was man die Unhintergehbarkeit der Generationendifferenz nennen könnte: »Kindheit in einer Erwachsenengesellschaft verlaufend, das ist die Voraussetzung für Erziehung«. Wer über Erziehung redet, muss also über Natur, über Biologie, über Evolution nachdenken, darüber, wie die natürlichen Bedingungen menschlicher Existenz in die Erziehung eingehen, die mit der Funktion eines »Wagenhebers« den Rückschritt der menschlichen Spezies verhindert, realisiert in Kooperationsverhältnissen und mit einer Zeigestruktur - wie inzwischen weniger die Allgemeine Pädagogik, sondern die Evolutionsbiologie zeigt (vgl. Tomasello 2002, 2009). Bernfeld steht dem ziemlich nahe.

Noch mal: Bernfeld gilt als der Klassiker schlechthin, doch bleibt die Forschungslage zu ihm ziemlich übersichtlich; viele Materialien zählen zu den gehüteten Schätzen, vieles ist aber schlicht und einfach noch nicht erforscht. Insofern darf man die Arbeit von Daniel Barth als einen Meilenstein bezeichnen, in mancher Hinsicht verdient sie sogar das Prädikat einer Wissenschaftssensation. Barth rekonstruiert, analysiert und interpretiert zwar die kurze Zeit des »Versuchs mit neuer Erziehung«, den Bernfeld in Wien mit dem Kinderheim Baumgarten von Oktober 1919 bis April 1920 unternommen hat. Sein Buch aber verhandelt in großer Differenziertheit doch den ganzen pädagogischen Bernfeld. Vor allem: Barth ist weniger an der Lebensgeschichte Bernfelds interessiert, obwohl seine Arbeit Einblick sowohl in das rote Wien wie insbesondere in die Geschichte und Gesellschaft des jüdischen Wiens gibt. Barth verfolgt vielmehr ein systematisches Interesse, um die entscheidenden Grundannahmen und Implikationen der (sozial-)pädagogischen Theorie Bernfelds zu rekonstruieren. Dabei gibt er sich selbst vorsichtig und spricht davon, eine psychoanalytische und soziologische Perspektive auf das Werk zu wählen. Doch gibt es wenig Zweifel daran, dass das Buch von nun (und vermutlich für längere Zeit) den Forschungsstand zu Siegfried Bernfeld repräsentieren wird.

Der Versuch mit dem Kinderheim Baumgarten bildet eine Schlüsselerfahrung in der pädagogischen Biographie Bernfelds. Was in den Baracken im Wiener Stadtteil Penzing-Baumgarten (heute 14. Wiener Gemeindebezirk: Penzing) geschah und von Bernfeld in seinem Bericht festgehalten wurde, führte zu zwei Einsichten: Einmal musste der politisch hoffnungsvolle, von Utopismus bewegte Bernfeld erkennen, dass und wie einerseits soziale Verhältnisse, Macht und Herrschaftsstrukturen das pädagogische Geschäft begrenzen und sogar unmöglich werden lassen; zum anderen aber trat zugleich die Erziehungstatsache hervor. Der pädagogische Tatbestand gab sich als solcher in der Brechung durch die gesellschaftliche Widrigkeiten zu erkennen. Nebenbei: diese Erkenntnisbedeutung des Scheiterns pädagogischer Ambition wird nicht selten übersehen und oft gegen die pädagogischen Experimente eingewandt, welche doch zumeist gescheitert sind. Gewiss: verstetigen haben sie sich nicht lassen. Aber im Unterschied zu naturwissenschaftlichen Experimenten, welche in ihrem Erfolg erinnert werden, macht der Misserfolg strukturell entscheidende Einsichten zugänglich, die für professionelles pädagogisches Handeln darin wichtig werden, weil Grenzen sichtbar werden. So verarbeitet Bernfeld seine Erfahrungen im Kinderheim Baumgarten dann kritisch im Sisyphos, einerseits als eine Abrechung mit den (gesellschaftsreformerisch) ambitionierten Pädagogen (und damit mit seinen eigenen Hoffnungen und Erwartungen), andererseits als eine strenge Analyse des Erziehungssachverhalts und in einer Theorie, die als Synthese der verfügbaren Einsichten in die wichtigsten Dimensionen des Erziehungsgeschehens gelten darf.

Barth gliedert sein Buch in fünf Kapitel. Wie es sich gehört setzt er - in seinem als Einleitung gestalteten ersten Kapitel - mit einer Untersuchung des Forschungsstandes ein, die zugleich das Vorurteil widerlegt, nach welchem der Baumgartentext intensiv bearbeitet worden sei. Gegenüber vorschnellen pädagogischen Vereinnahmungen macht Barth als sein eigenes Erkenntnisinteresse geltend, den Bericht soziologisch und psychoanalytisch lesen zu wollen (S. 41) - paradoxerweise führt eben dieser Zugang dazu, dass ihm am Ende ein Beitrag zur sozialpädagogischen Theorie gelingt. Bemerkenswert ist allerdings, wie Barth seine Methode expliziert, geben sich theoriegeschichtlich angelegte Untersuchungen hier doch meist eher zurückhaltend. Barth legt hingegen mit ungewöhnlichem methodologischen und methodischen Bewusstsein sein Verfahren dar, er liest und interpretiert die Texte in einem tiefenhermeneutischen Verfahren, das er bei Alfred Lorenzer gelernt hat. Mit dieser so explizierten Hermeneutik gelingt es ihm, die gegenüber dem zu erschließenden und auszulegenden Material andere Seite des Zirkels zu benennen und selbst wiederum kritischer Prüfung zugänglich zu machen. Das lässt seine Entdeckungen transparent und nachvollziehbar werden. Um ein Beispiel zu nennen: Barth rekonstruiert die Interaktionsstrukturen und Prozesse im Kinderheim ausdrücklich mit Rückgriff auf Habermas, was nun dazu fuhrt, dass - etwas emphatisch gesprochen - Sachstrukturen des Pädagogischen hervortreten, methodisch begründet und durch das gewählte Verfahren mit geradezu doppelter Evidenz versehen. Die Unsicherheit und Offenheit des Hermeneutischen tritt zurück zu Gunsten eines Gegenstandswissens.

Das zweite Kapitel rekonstruiert die realgeschichtliche wie politische Vorgeschichte des Wiener Versuchs: Bernfeld verfolgt eine Art ideenpolitische, hegemoniepolitische Strategie, die Barth mit einem von Hans Hoffmann-Nowotny entlehnten Modell der Steuerung sozialen Wandels interpretiert. Bernfeld will zu diesem Zeitpunkt noch mehr als bloße gesellschaftliche Reproduktion und systemkonforme Veränderung, er zielt auf den Aufbau eines jüdischen Erziehungswesen, das die Notlage der jüdischen Waisenkinder als Wirkung sozialer Kräfte erkennt und zugleich die Selbstbestimmung der Kinder in das Zentrum der pädagogischen Praxis stellt. Die geplante freie jüdische Schulsiedlung richtet sich auf eine »umfassende Neuorientierung im Umgang mit den Kriegswaisen« (S. 83), von der er sich eine Leitfunktion versprach - beschränkt allerdings auf das Judentum, ein generalisierender, etwa auf die bürgerliche Pädagogik schlechthin bezogener Ansatz lässt sich nicht erkennen. Barth schließt dieses Kapitel mit einem für das Verständnis von Bernfeld zentralen Befund, der seine Rede vom sozialen Tatbestand eigentlich erst verständlich macht: Obwohl Bernfeld immer wieder den Marxismus für sich reklamiert, ist er in seinem Denken und seinem Insistieren auf die Tatbestandsgesinnung wohl durch Emile Durkheim beeinflusst, dessen Regeln der soziologischen Methode durch seinen Universitätslehrer Wilhelm Jerusalem zugänglich wurden (vgl. S. 108 f.).

Illustriert mit bislang unbekanntem Bildmaterial rekonstruiert Barth im dritten Kapitel das »ideale Konzept« einer neuen Erziehung, wie es Bernfeld ausdrücklich dem Kinderheimexperiment zu Grunde gelegt hat und in seinem Bericht noch zu erkennen gibt. Bernfeld geht es um eine »soziale Pädagogik«, welche mit einem hohen systematischen Anspruch psychologisch begründet ist, zugleich interaktionstheoretische und gesellschaftstheoretische Überlegungen aufnimmt. Im Kern steht dabei die Spannung zwischen dem Willen des Kindes und dem des Lehrers, die in einer Form von Verständigungsorientierung aufgelöst werden soll, um so einer postkonventionellen Moral zum Durchbruch zu verhelfen (S. 127), was letztlich scheitert. Bernfeld entdeckt dabei nicht nur das Problem der Erziehbarkeit, sondern begreift dank seiner psychoanalytischen Erkenntnis die für dieses entscheidende »Grundstruktur eines Vergesellschaftungsmechanismus« (S. 173).

Das vierte Kapitel ragt systematisch heraus, weil es die Untersuchungen nun in der realen Theorie der Sozialpädagogik zuspitzt, die sich der Voraussetzungen vergewissert, wie sie von den Kindern in den Versuch mitgebracht wurden. Bernfeld fasst angesichts des politischen Drucks und unter dem Eindruck des Problems der Erziehbarkeit die Geschehnisse zunehmend nüchterner. Das fünfte Kapitel nimmt darauf Bezug, wobei Barth nun eine soziologische Perspektive wählt, die streng genommen Institutionen- und Professionstheorie verbindet, dies aber als eine Art Metareflexion der Pädagogik präsentiert.

Keineswegs darf man nun Barths Buch allein als eine Studie zu Bernfelds »Baumgarten« lesen, obwohl sie als solche schon verdienstvoll wäre. Barth gelingt weit mehr, nämlich eine am Kinderheim Baumgarten exemplifizierte Theorie der Sozialpädagogik, was übrigens noch einmal die Qualität von Bernfelds Bericht selbst hervortreten lässt und ihn zugleich in die Nähe der großen Darstellungen sozialpädagogischer Praxis rückt, wie sie von Pestalozzi mit dem Stanser Brief, von Makarenko mit dem Pädagogischem Poem geschrieben wurden. Faktisch verlässt nämlich die Untersuchung die klassische Form der pädagogischen Theoriebildung, in welcher doch immer noch ein Überschwang des Textuellen zu erkennen blieb; man sprach über sprachliche Produkte, mehr oder weniger über literarische Zeugnisse, eher philologisch, denn sachbezogen. Es trifft schon zu: die Tatbestandsgesinnung hat bislang gefehlt, man musste allemal streng dafür plädieren, dass es in den Darstellungen um solche einer sozialen Wirklichkeit geht. Hier nun, vermutlich durch den explizit verdeutlichten methodischen Zugang wird die Wirklichkeit der Sozialpädagogik sichtbar: Denn fasst man sozialpädagogisches Handeln als Sachverhalt, dann zeigt sich dieser strukturell auf drei Ebenen in ein komplexes Feld von Transformationen eingebunden, das zwischen Gesellschaft, genauer zwischen sozialem Wandel, Kultur und subjektiver Entwicklung konstituiert ist. Die erste Ebene wäre die einer politischen Aktivität, bei der es darum geht, gesellschaftliche Veränderung durch den Versuch voranzutreiben, die hegemonial wirkenden kulturellen Deutungsmuster zu beeinflussen, welche ihrerseits die Sinnstrukturen der Akteure bestimmen. Bernfeld selbst wollte hier weder mit einem naiven Materialismus noch mit einem ebenfalls naiven Idealismus operieren, wie er für das Verhältnis von Pädagogik und Politik bis heute durchaus verbreitet ist. Das Geschäft ist eben nicht so einfach, wie die Spannungen bei ihm zwischen der Einsicht in den sozial konservativen, reproduktiv funktionellen Charakter von Pädagogik einerseits und dem verhaltenen Optimismus einer sozialistischen Erziehungskritik zeigen, die übrigens als Kritik der Pädagogen an den gesellschaftlichen Verhältnissen, nicht aber als Versuch einer durch Pädagogik bewirkten Reform des Sozialen zu lesen ist. Auf einer zweiten Ebene vollzieht sich die Organisation des pädagogischen Tatbestands, was Bernfeld mit dem Begriff der Instituetik zu fassen versuchte – wobei Bernfeld sich allerdings von nahezu allen einschlägigen Versuchen einer radikalen, kollektiven Erziehung unterscheidet: Gleich ob wir es mit Pestalozzi oder Makarenko zu tun haben, regelmäßig wird ein pädagogischer Heros stilisiert, der als einsamer Held agiert und überleben muss. Anders als diese sieht Bernfeld im Heim Baumgarten die Interaktion der Erzieher untereinander als ein wesentliches Moment des Erziehungsgeschehens an. Auf einer dritten Ebene identifiziert Barth nun als »ideales Konzept« die Mikrologik des Geschehens am sozialpädagogischen Ort. Sie ist zu begreifen als eine reale Parallelisierung von gesellschaftlicher sowie kulturelle Entwicklung und Ontogenese, welche zunächst die konkrete Wahrheit des Erziehungstatbestands als Transformator sozialer Ordnung ausmacht, in dieser Parallelisierung, so die von Bernfeld herangezogene psychoanalytische Einsicht, entsteht die reale Erziehbarkeit gleichsam als Summe der unterschiedlichen Formen sozialer Ordnung und individueller Affektregulierung.

Wiederum ist systematische Relevanz festzuhalten. Barth kommt nämlich in der Rekonstruktion des Bernfeldschen Berichts dem nahe, was als Bildsamkeit benannt, aber eben doch nicht differenziert begriffen wurde. Faktisch geht es um eine Erziehung vor der Erziehung. Sozialpädagogik hat dann die Aufgabe, die subjektive, durch die natürliche Triebstruktur gegebene Welt und die soziale sowie kulturelle Welt zumindest dann so »komplementär« zu verknüpfen, dass Erziehung möglich wird, wenn dies nicht gleichsam von selbst geschieht. So gesehen muss also der Erziehungstatbestand geschaffen werden, muss – um an Durkheim zu erinnern – dem fait social, der doch eigentlich schon immer geschehenden socialisation eine planmäßig gestaltete, methodische Sozialisation zur Seite oder voraus gestellt werden. Sozialpädagogik muss also jene strukturelle Deprivation aufheben, die Bernfeld als Tantalussituation analysiert. Sie ist in dieser Hinsicht auf eine gewissermaßen außer- und zumindest vorpädagogische Radikalität verwiesen, auf Arbeit an den tiefliegenden Fundamenten des Sozialen. Eine solche Arbeit stellt sich im Heim als eine Selbsterzeugung des Menschen, durch die sie ihre selbst gesellschaftlich erzeugte Asozialität überwinden und darin erziehbar werden.

Ist eine solche, vom realen Konzept der Erziehung verlangte Radikalität überhaupt möglich? Barth diskutiert diese Möglichkeit soziologisch am Verhältnis zwischen Verwaltung und Erziehern. Die Befunde stimmen eher skeptisch. Eine wichtige Funktion kommt der Schule zu, mit der Bernfeld aber hadert. Hier ist er – wenigstens im Bericht über Baumgarten – zu sehr Reformpädagoge und dann ernüchterter Soziologe, um den pädagogischen Kern von Schule, nämlich Unterricht zu begreifen; dem nähert er sich erst im Sisyphos an, wenn er die Rationalität der Didaktik begreift. Freilich wird ihm auch dort noch nicht so ganz klar, was Unterricht in der Schule ausmacht, nämlich die Verknüpfung der durch eine Institution gegebenen sozialen Organisation mit einer pragmatischen Zeigestruktur, welche den Blick über gegebene Verhältnisse hinaus lenken kann.

Man darf hier die Besprechung abbrechen, weil man andernfalls in eine weiter führende Debatte hinein gerät, welche die durch Barth entzifferten Erkenntnisse hinter sich lässt. Das wäre jedoch Aufgabe einer Forschung, die an einen nun erreichten und gesicherten Stand anknüpfen kann, um über diesen hinaus zu gehen. Dass dies möglich wird durch das Buch, macht seine dann doch fast atemberaubende Qualität aus: Barths Buch stellt auf eine faszinierende Weise die (sozial-)pädagogische Theoriebildung und die Theorie selbst auf eine nachdrückliche Art vom Kopf auf die Füße – es könnte nun weiter gehen in der sozialpädagogischen Forschung, wenn sie sich nur ernsthaft darauf einlassen würde.

Literatur:
Bernfeld, S: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung. Frankfurt am Main 1973
Durkheim, E.: Education et sociologie. Presses Universitaire de France 1973
Tomasello, M.: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002
Tomasello, M.; Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009
Zaretzky, E.: Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse. München 2009


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