Rezension zu Revolution der Seele

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Rezension von Ulrich Kobbé

George Makari: Revolution der Seele

Thema
»Die Geschichte der Psychoanalyse wurde bisher meist in Form von idealisierenden Biografien ihres Begründers erzählt, während Makari diese einzelnen Stimmen zu einem vielschichtigen Panorama verbindet. Er bettet Freuds frühe Arbeit in den Kontext der großen Veränderungen ein, die die europäischen Wissenschaften des späten 19. Jahrhunderts erschütterten, und zeigt Freud als kreativen Synthesefinder, dessen Verwurzelung in bereits vorhandenen Studiengebieten zur Erschaffung der Freud/'schen Theorie führten. Gestützt auf neues Archivmaterial und zehn Jahre intensiver Forschung, lässt er die Zeit von 1870 bis 1945 (…) wieder aufleben – von der Geburtsstunde der Psychoanalyse in Wien bis zu ihrer Vertreibung aus Europa durch den Faschismus.« (Umschlagtext).

Herausgeber
Der Herausgeber, George J. Makari, ist Professor für Psychiatrie am ‚Weill Cornell Medical College’, Leiter des ‚DeWitt Wallace Institute for the History of Psychiatry’, außerordentlicher Professor für Psychiatrie am ‚Columbia University College of Physicians and Surgeons’ sowie an der ‚Rockefeller University’, alle Institutionen in New York, wo er auch lebt.

Entstehungshintergrund
Makari nimmt in Anspruch, eine »Geschichte der Psychoanalyse« zu schreiben und hierbei »eine Alternative und eine andere Art der Darstellung« (S. 10) als die klassische Form von »idealisierenden Biografien« zu wählen. Als Auftrag benennt er das Manko einer »umfassenden Darstellung« (S. 10), einer »geschichtlichen Darstellung der Kernfragen, die das Herzstück dieser einflussreichsten Theorie des menschlichen Seelenlebens bilden« (S. 14).

Aufbau
Der Reader gliedert sich in drei Teile, die die Entstehung (1) der Freud/'schen Theorie, (2) der Freudianer, (3) der Psychoanalyse betreffen.

Inhalt
Prolog
Teil 1 Die Entstehung der Freud/'schen Theorie

1. Die Wissenschaft im Sinn
2. Stadt der Spiegel, Stadt der Träume
3. Die unglückliche Verbindung von Psyche und Eros

Teil 2 Die Entstehung der Freudianer

4. Wien
5. Zürich
6. Freudianer in aller Welt
7. Zusammenschluss, Zerfall

Teil 3 Die Entstehung der Psychoanalyse

8. Alles kann untergehen
9. Die Suche nach einem neuen Zentrum
10. Eine neue Psychoanalyse
11. Die Psychopolitik der Freiheit

Diskussion
Was soll man als Rezensent wesentlich Neues über ein Werk schreiben, das 2009 mit dem ›Gradiva Award‹ der NAAP(National Association for the Advancement of Psychoanalysis, NY) als beste historische Arbeit, weiter dem ›Heinz Hartmann Award‹ der NYPSI(New York Psychoanalytic Society & Institute, NY) als herausragende Publikation ausgezeichnet und auch sonst in der Fachpresse hoch gelobt wurde …

Nun: Einerseits wird die Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse durch Freud-Biografien bestimmt, deren Hommage zwar unterschiedlich akzentuiert ist, jedoch zwangsläufig idealistisch, verkürzend, anekdotisch usw. bleiben muss. Andererseits finden sich renommierte Werke wie das ›Wörterbuch der Psychoanalyse‹ von Roudinesco & Plon (2004), deren Artikelkonvolut trotz z. T. längerer Kapitel nur heterogene Stichwort- bis Zettelkastensammlung, mitunter auch nur ›name-dropping‹ mit Bandwurmanmerkungen bleiben musste. Dem gegenüber unternimmt Makari einen in der Tat bemerkenswerten Versuch bzw. wählt einen interessanten und höchst überzeugenden Ansatz: Er schreibt quasi in der antiken ethischen Tradition Plutarchs, nämlich keine ›Geschichte‹, sondern zeichnet ›Lebensbilder‹, charakteristische psychoanalytische Erkenntnis-, Praxis- und Lebensgeschichte(n). Wenn erst kürzlich Miller (2011, 12-15) auf die Bedeutung solcher Unterscheidung von Biographie und Historie hinwies, auf den prekären – weil fiktiven – Status des co-mentierenden Rückblicks, des rekonstruierenden Nachwortes aufmerksam machte, unterstrich er dabei gerade auch den der Psychoanalyse angemessenen narrativen Zugang zu deren Geschichte(n).

Das heißt, diesbezüglich gelingt Makari etwas Wesentliches: Er versteht ›Psychoanalyse‹ als eine Praxis, entgeht jener reduktionistischen (Selbst-)Verkennung und eitlen (Selbst-)Zuschreibung, es handle sich primär um eine Wissenschaftsgeschichte und lässt die involvierten Personen punktuell in ihrer Subjektivität, im O-Ton zur Sprache kommen. Was er (an-)erkennt, ist der unausweichlich subjektive Charakter jeder Wahrheit, gegen den objektivierende Wissenschaft in Stellung gebracht wird. Da, wo Sloterdijk (1985) sehr gezielt eine fiktive Erzählung der Ideengeschichte der Psychoanalyse schrieb, wählt Makari einen gänzlich nüchtern-sachlichen und dennoch narrativen Zugang: Er entfaltet ›Psychoanalyse‹ im Spektrum ihrer Praxis und ihrer Praktiker als (1) eine klinische Untersuchungs­ und Forschungsmethode, (2) eine Behandlungstechnik oder psychotherapeutische Methode, (3) eine Metapsychologie, (4) eine Krankheitslehre als systematisiertes psychopathologisches System, (5) eine Persönlichkeitstheorie, d. h. ein System psychodynamischer Theorien bzw. struktureller Modelle, (6) eine ›unmögliche‹ Berufung/Berufswahl.

Doch in dieser intelligent verwobenen, beredten Textur psychoanalytischer Bewegung und Wege entkommt auch Makari – wenngleich er diese Crux verschweigt bzw. sich die Frage nicht stellt – jener nachträglichen Paradoxie nicht, dass (in der Formulierung von Le Guen, 1982, S. 532) ein noch nicht Existierendes etwas provoziert, durch das es seinerseits selbst erst existieren kann und wird …

Zusatz: Den Teil 1 ›Die Wissenschaft im Sinn‹ leitet der Autor (S. 19) mit dem Rimbaud-Zitat ein, es sei ›falsch zu sagen: ICH denke: man müsste sagen: ES DENKT MICH. (…) ICH ist ein ANDERER« (Rimbaud, 1871, 12). Makari wird im Folgenden auf diese – einem Menetekel gleich vorangestellten – Provokation nicht zurückkommen, sodass nur zu schlussfolgern bleibt, ihr komme als VorSatz eine die Psychoanalyse fundierende Bedeutung zu. Wenn dagegen Lacan infrage stellt, das Ich sei »nicht ein anderer«, sondern vielmehr »ein Fragezeichen, ein x, ein leerer Ort« (Miller, 2011, S. 11), dürfte er damit nicht nur eine zeitgeistige Denkfigur variieren, sondern jene Leerstelle fokussieren, um die Freuds Auseinandersetzung kreist. Was auf einen anderen Aspekt, den der mitunter seriösen ›Artigkeit‹ und konventionellen Berichterstattung dieser Re-Zitation hinweist: Denn was Makari den LeserInnen als wohl einziges Manko schuldig bleibt, sind – als Preis und Kehrseite (s)einer sachlichen Redlichkeit – jene Sprungkraft, Originalität und Brisanz, die der psychoanalytischen Wette auf das Unbewusste in praxi innewohnt.

Zuletzt: Was irritiert, ist die beharrliche Beibehaltung seiner Rede von ›der‹ Psychoanalyse, dies auch über die Darstellung der verschiedenen psychoanalytischen ›Schulen‹, theoretischen und praktischen Ausdifferenzierungen, Spaltungen, Verwerfungen hinaus. Auch wenn die kaleidoskopische Übersichtsarbeit (leider) bereits 1945 endet, war doch auch zu diesem Zeitpunkt bereits – ob theoretisch oder in persona – jene Diversifizierung angelegt bzw. gebahnt, was Pine (1990) später als unterschiedliche »Psychologien der Psychoanalyse« (v)erdichten wird.

Fazit
Makari gelingt eine kenntnis- und facettenreiche Darstellung psychoanalytischer Modell- und Theoriebildung in ihrer Entstehung aus der Behandlungspraxis Freuds und in ihrer Bedeutung für Verständnis, Behandlung, Wertschätzung von Subjektivität, Un-/Sinn und Un-/Bewusstem im Leben des Menschen.

Er bietet eine »tour d/'horizon« durch Neuvermessungen der Landschaften der Seele, ein Prisma be-/deutender (und weniger bedeutender) Wissenschaftler des vor-/letzten Jahrhunderts, einen Spot auf die Verschleifung des Unbewussten mit dem Gewussten, einen Gang durch die Labyrinthe der Gelehrsamkeit in Geistes-, Kultur- und Naturwissenschaft, ein Paradigma der gesellschaftspolitischen Umbrüche der Alten und der Neuen Welt, ein psychosoziales Engramm teleskopartig voran- und fortstrebender Denkbewegungen, ein genealogisches Portrait der ersten Analytikergenerationen mit Geistes- und Anverwandten.

Die mit literarischer Leichtigkeit verfasste Narration ist für ein solches Œuvre nicht nur außergewöhnlich, sondern unterstützt auf kluge Art und Weise das folglich gern gelesene, kompakte 570-Seiten-Werk.

Literatur
Le Guen, C. (1982). L/'après-coup. Revue Française de Psychanalyse, XLVI (3), 526-534.
Miller, J.-A. (2011). Vie de Lacan. Paris: Navarin.
Pine, F. (1990). Die vier Psychologien der Psychoanalyse und ihre Bedeutung für die Praxis. Forum der Psychoanalyse, 6 (3), 232-249.
Rimbaud, A. (1871). Erster >Brief des Sehers< an Georges Izambard. Therre, A. & Schmidt, R.G. (1980). Arthur Rimbaud – Das poetische Werk (11-12). Frankfurt a.M.: Zweitausendeins.
Roudinesco, E. & Plon, M. (2004). Wörterbuch der Psychoanalyse. Wien: Springer.
Sloterdijk, P. (1985). Der Zauberbaum. Die Entstehung der Psychoanalyse im Jahr 1785. Epischer Versuch zur Philosophie der Psychologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Rezensent
Dr. Ulrich Kobbé

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