Rezension zu Bindung in Bewegung

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Rezension von Gerald Mackenthun

Ausgezeichnetes Fachbuch über gute Mutter-Kleinkind-Bindung, 23. Dezember 2011

Von Gerald Mackenthun

Der intuitive Umgang mit Kleinkindern scheint zunehmend verloren zu gehen. Besonders in den unteren sozialen Schichten, dem Prekariat, gibt es zunehmend massive Defizite in der familiären Erziehung. Etwa ein Prozent der Kleinstkinder, das sind in Deutschland 7000 pro Jahr, bilden eine Hochrisikogruppe für zukünftige Gewalttaten. Traumatisierte Eltern tragen ihre Gewaltbereitschaft in die nächste Generation. Es sind nicht nur beengte materielle Verhältnisse, sondern auch psychische Unzulänglichkeiten der Eltern, die Kleinkinder vernachlässigen lassen. Nordrhein-Westfalen führte 2006 flächendeckend Elterntrainings ein, weil das soziale Frühwarnsystem der Ärzte allein nicht ausreichte, um Kindesmisshandlung und Verwahrlosung zu reduzieren.

Sabine Trautmann-Voigt ist Leiterin der Eltern-Säuglings-Kleinkind-Psychotherapie-Ambulanz der Köln-Bonner Akademie für Psychotherapie (KBAP). Sie arbeitet im Netzwerk »Frühe Hilfen« und dem Arbeitskreis »Opferschutz« der Bonner Kriminalpolizei mit. In Deutschland soll es insgesamt 200 bis 300 solcher Projekte geben. Die »frühe Hilfe« soll zu dem zurückführen, was »gute Familie« bedeuten könnte. Psychotherapeuten spielen darin eine zentrale Rolle, als sie fast täglich mit Beziehungskonflikten und den Folgen gestörter Interaktion zu tun haben.

An diesen Berufskreis wendet sich das Buch. Zunächst werden die theoretischen Bindungskonzepte (Bowlby), die Grundlage ihrer Arbeit sind, ausführlich dargestellt und begründet. Dann werden einige ausgewählte Kleinkind-Mutter-Interaktionen (insgesamt wurde das Videomaterial von 82 Mutter-Kind-Paaren ausgewertet) beschrieben. Die Autorinnen legen dabei – das ist das Neue – das Hauptaugenmerk auf die körperliche nonverbale Regulation des Zusammenspiels von Kleinkind und Mutter. Wenig überraschend: der kleine Mensch ist von Geburt an ein zutiefst soziales Wesen. Sichere Bindungsmuster sind ein ziemlich guter Einstieg für eine erfreuliche Weiterentwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Es kommt darauf an, dass sich der Säugling in seinem Affektausdruck grundsätzlich verstanden fühlt. Dieser Vorgang läuft in Bruchteilen von Sekunden im nonverbalen Bereich ab. Angemessenes Verstehen der Körperzustände des Säuglings entscheidet über das Wie einer Beziehungsregulation und über das Wie der Bindung. Ganz wichtig ist, dass die Eltern einfühlsam den aktuellen Systemzustand ihres Kindes erkennen, der vom Tiefschlaf über die wache Aufmerksamkeit bis zum enervierenden ›Schrei-Status‹ reicht. Mütter sollten lernen, ihrem Impuls zum Rückzug beim lauten Schreien zu widerstehen und versuchen, das Kind ›runter zu regulieren‹, zu beruhigen.

Dies den Müttern zu vermitteln ist ein Ausbildungsinhalt für angehende Psychotherapeuten an der KBAP. Überhaupt ist dies kein Buch für Eltern. ›Bindung in Bewegung‹ wurde ein umfangreiches Theorie-, Lehr- und Arbeitsbuch mit drei ausführlichen Fallbeispielen und einigen Fallvignetten. Die in diesem Werk entfaltete Perspektive ist ziemlich komplex und beansprucht für ein tieferes Verständnis Zeit und Vorkenntnisse. Als Fachbuch ist es ausgezeichnet.

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