Rezension zu Affekt und Form

Musik-, Tanz- und Kunsttherapie (Hogrefe) Heft 1/2011

Rezension von Georg Franzen

Informationstext zum Buch

Kein Kunstwerk ist angemessen erfahrbar ohne Empfindung, ohne Affekt. In die Wahrnehmung der Form gehen notwendig Affekte ein, ebenso wie umgekehrt die Form zwangsläufig unsere Affekte beeinflusst und unter Umständen verändert. Affekte sind außerdem konstitutiver Bestandteil der Form selbst: Sie werden in die künstlerische Form eingeschmolzen und damit transformiert. Affekte werden so Teil der »ästhetischen Idee« (Kant) des Kunstwerks.

Anhand einer kritischen Analyse von Kants »Kritik der Urteilskraft«, einer Darstellung und Kritik der Freud/'schen ästhetischen Theorie sowie einer Vorstellung neuerer Ansätze psychoanalytischer Kunstinterpretation wird der Zusammenhang von Affekt und Form sowohl für die Rezeption als auch für die Produktion von bildender Kunst gezeigt. Zugleich wird dies an Bildbeispielen, insbesondere an Dürers »Melencolia I«, veranschaulicht.

Inhalt

Der Autor Manfred Clemenz, Professor für Soziologie/Klinische Sozialpsychologie i. R. an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, Psychologischer Psychotherapeut, Gruppenanalytiker und Kunsthistoriker, beschreibt aus psychoanalytischer Sicht die ästhetische Wirkung von Kunst. Ausgehend von einer kritischen Reflexion der Psychoanalyse vor dem Hintergrund der Kant/'schen Theorie geht Manfred Clemenz der Bedeutung von Emotionen in der Kunst nach. Kein Kunstwerk, so lautet die These von Clemenz, ist ohne Empfindung, ohne Affekt wahrnehmbar. Schon Freud hat in seiner Studie über die Moses-Statue von Michelangelo Ansätze dieser affektiven Wirksamkeiten beschrieben. Genau hier setzt Clemenz an und entwickelt ein psychoanalytischästhetisches Konzept, in dem Affekte gleichsam konstitutive Bestandteil der Form sind, »sie werden gleichsam in die künstlerische Form eingeschmolzen und damit auch transformiert – und können sich auch im Zuge der ästhetischen Erfahrung verändern« (S. 14).

Der konstitutive Zusammenhang von Affekt und Form wird vom Autor sowohl für die Rezeption als auch für die Produktion bildender Kunst an mehreren Bildbeispielen aufgezeigt.

Am Beispiel von Dürers Kupferstich »Melencolia I« verdeutlicht Wolfgang Clemenz, dass Affekte nicht nur unmittelbare, spontane Reaktionen auf das Bild sind, »sondern dass sie zu einem erheblichen Teil erst bei der Interpretation des Bildes entstehen, weil sie sich auf konstitutive Aspekte des Bildes beziehen« (S. 63). Bei der Interpretation des Dürer-Stichs bezieht sich der Autor auch auf die ikonologischen und ikonografischen Untersuchungen, die er um eine ästhetische-psychoanalytische Betrachtung ergänzt, und kommt zu dem Schluss, dass Dürer in seinem Stich ein »Paradigma ästhetischer Transformation« (S. 81) entwickelt hat. »Eine affektive Reaktion, die dem Stich nicht gleichsam übergestülpt wird, ist somit untrennbar mit der Entschlüsselung des ikonografischen bzw. der ikonografischen Verwirrung verbunden« (S. 81). So zeigt uns »die Struktur des Stichs ein hohes Maß ästhetischer Kohärenz und Evidenz des dargestellten Gegenstandes: Dürers Konzeption der Melencolia« (S. 81).

Clemenz erörtert seinen Ansatz an weiteren Werkbeispielen u. a. an der Freud-Studie »Der Moses des Michelangelo« und kommt zu dem Schluss, dass Freud die konstitutive Bedeutung der Form für die Kunst klar erkannt hat, jedoch keine Theorie der ästhetischen Form herausgearbeitet hat. Der Autor kritisiert, dass die Psychoanalyse zwar versucht hat, die Bedeutung des Unbewussten für die Kunst zu thematisieren, »häufig jedoch ohne sich wirklich auf die komplexen konstitutionslogischen Bedingungen der Rezeption von Kunst einzulassen« (S. 107).

Zurecht verweist Manfred Clemenz darauf, dass das Mindeste, »was man auch von einer psychoanalytischen Kunstinterpretation verlangen könnte, wäre die Oberfläche eines Kunstwerks, gegebenenfalls auch deren ikonografische und ikonologische Bedeutung, zu beschreiben und zu analysieren« (S. 125).

Im letzten Abschnitt des Buches setzt sich der Autor abschließend mit dem Zusammenhang von Ästhetischer Erfahrung und künstlerischer Kreativität auseinander und gelangt zu der Schlussfolgerung, »dass – vor dem Hintergrund notwendiger anzunehmender Kreativität im Sinne Winnicotts – die Orientierung an einem spezifischen künstlerischen Ich-Ideal, die ›Selbstintegration‹ durch künstlerische Tätigkeit und ein spezifischer Lustgewinn entscheidende Triebfedern künstlerischer Kreativität sind« (S. 21).

Manfred Clemenz ist es gelungen, in seinem Buch den komplexen Zusammenhang von Kunst, Ästhetik und Psychoanalyse zu erhellen, und hat dazu einen differenzierten eigenständigen Ansatz vorgelegt. Bemerkenswert ist, dass der Autor im Gegensatz zu den meisten anderen aktuellen psychoanalytischen Untersuchungen zur Kunst sich auch auf die notwendigen ikonografischen und ikonologischen kunstwissenschaftlichen Theorien bezieht, ohne die ein Kunstwerk in der Gesamtstruktur nicht zu erhellen ist. Das Buch ist ein empfehlenswerter Beitrag zur psychoanalytischen Kunstinterpretation.

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