Rezension zu Revolution der Seele

Neues Deutschland, 26./27. November 2011

Rezension von Martin Koch

Freud und die Folgen
Materialreicher Exkurs über die frühe Geschichte der PsychoanaIyse

George J. Makari: Revolution der Seele. Die Geburt der Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag. Gießen. 648 S., geb., 49,90 €.

Mit seinem 2008 erschienenen Buch »Revolution in Mind« hat der Psychiater und Historiker George J. Makari in den USA viele Bewunderer gefunden. Das Werk sei »von unschätzbarem Wert, unbedingt empfehlenswert«, schwärmte das »American Journal of Psychotherapy«. Und der Schriftsteller Paul Auster wagte sogar die Behauptung, Makari habe »nichts Geringeres geschrieben als eine Geschichte des modernen. Geistes«.

Bei allem Respekt, das ist ein Stück zu hoch gegriffen. Denn was Makari in seinem jetzt auch ins Deutsche übersetzten Buch tatsächlich behandelt, ist die Geschichte der Psychoanalyse von ihren Anfangen 1870 bis zu ihrer institutionellen Vertreibung aus Europa durch die Nationalsozialisten. Diese Geschichte ist bekanntlich untrennbar verbunden mit dem Namen von Sigmund Freud, dessen Begriffe und Konzepte (Unbewusstes, Verdrängung, Ödipus Komplex etc.) längst in unsere Alltagssprache eingeflossen sind. Gleichwohl wird über Freuds Stellung in der europäischen Geistesgeschichte unter Historikern nach wie vor heftig gestritten. Während die einen behaupten, Freud habe »ewige Wahrheiten über die Psyche« entdeckt, sehen andere in ihm einen »unwissenschaftlichen Zauberer, der eine Massentäuschung ins Leben rief«, wie Makari pointiert.

Doch wer war Freud wirklich? Und wie ist er zu seinen Ideen gelangt? Ideen, die man ihrer Fülle und Originalität wegen eigentlich nur bestaunen kann, selbst wenn man der psychoanalytischen Lehre ansonsten kritisch oder ablehnend gegenübersteht. Antworten darauf finden sich zweifellos in Freuds Biografie, die Makari im ersten Tell des Buches mit viel Liebe zum Detail erzählt. Parallel dazu richtet er seinen Blick auf die »Welt von Gestern« (Stefan Zweig) und fragt, wie eine so provokante Theorie wie die Psychoanalyse seinerzeit überhaupt entstehen und gedeihen konnte: Gewiss hat Freud hierfür eine wahre Titanenarbeit geleistet. Doch so ganz aus dem Nichts stammen dessen Ideen nicht, betont Makari: »Befreit von religiösen Lehren über die Seele, kämpften viele Europäer des späten 19. Jahrhunderts damit, ihre eigenen inneren Erfahrungen mit den Anforderungen des wissenschaftlichen Positivismus, dem mechanistischen Universum Isaac Newtons und der Evolutionsbiologie Charles Darwins zu vereinbaren.«

Freud war sonach einer unter vielen, wenngleich der erfolgreichste, dem es gelang, aus verschiedenen Denktraditionen (Naturwissenschaft, Medizin, Philosophie, Literatur, Religionsgeschichte etc.) eine neue Seelenlehre zu entwickeln. Um deren rechtes Verständnis gab es jedoch alsbald Streit unter seinen Schülern. »Im Verlauf dieser Kämpfe schlossen sich Einzelne zusammen, bildeten Allianzen und gingen auf Konfrontation«, schreibt Makari. Und so geschah es, dass zwei der glühendsten Freudianer, Alfred Adler und Carl Gustav Jung, nicht nur das Konzept der Psychosexualität kritisierten, sondern sich später sogar von ihrem Meister trennten.

Gestützt auf ein intensives Quellenstudium spürt Makari diesen und anderen Verzweigungen des psychoanalytischen Denkens nach und knüpft daran kenntnisreich verfasste historische Exkurse. Der Leser erfährt darin viel Interessantes über die europäische Kultur und Wissenschaft in einer Epoche, die mit dem Aufstieg der Nazis ihr jähes Ende fand. Davon betroffen war auch die Psychoanalyse, deren Anhänger verfolgt und großenteils aus der deutschsprachigen Welt vertrieben wurden. Die meisten gingen ins angloamerikanische Exil, wo sie für ihre Theorien und Methoden ein neues Anwendungsfeld fanden. Aber das wäre bereits eine andere Geschichte.

Ein detailliertes Personen- und Sachregister ermöglicht je nach Interesse unabhängig von der Chronologie im Buch zu schmökern.

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