Rezension zu Verantwortung der Psychotherapie in der Gesellschaft

Hessisches Ärzteblatt. 72. Jahrgang, 10/11

Rezension von Dr. med. Peter Zürner

In der Einleitung erläutern Jürgen Hardt und Professor Dr. med. Cornelia Krause-Girth ihre Sicht auf unser Gesundheitssystem und unsere Gesellschaft: »Aufgrund ihres Wissens vom Leben können sie (die Psychotherapeuten P.Z.) erkennen, was die Umformung der Behandlungskultur nach marktwirtschaftlichen Prinzipien für die Menschen bewirkt.« Ausführlich befassen sich die Autoren mit der Zusammenarbeit von ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten bei der Gestaltung des 3. Hessischen Psychotherapeutentages, der Gegenstand dieses Buches ist. Trotz der Konflikte zwischen den psychotherapeutisch tätigen Berufsgruppen gebe es eine Psychotherapie und solle es weiterhin geben.

Die Neubearbeitung ermögliche, »auf die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Berufsgruppen und Institutionen besonders hinzuweisen.« Nun zu den Vorträgen des Sammelbandes. Karl Georg Zinn berichtet über »Das Leiden an der Ökonomie ohne Menschlichkeit – Mythos und Krise« und wirbt für die Thesen von John Maynard Keynes, um die »gegenwärtige Massenarbeitslosigkeit« zu überwinden. Willem van Reyen stellt die Frage ob wir »Herr im eigenen Hause?« seien, entwickelt »Menschenbilder zwischen Moderne und Metaphysik«; es gebe zwei »widerstreitende Menschenbilder« , das moderne auf »Funktionalität und Eindeutigkeit« ausgerichtete und eines, das sich gegen »Formalisierung und Erstarrung absetzt«. Van Reyen sucht die Möglichkeit, »eine Balance zwischen Moderne und Metaphysik zu entwerfen.«

In vier Foren werden aktuelle psychotherapeutische Fragen erörtert:
1. »Die Frage einer bedarfsgerechten stationären psychosomatischen Versorgung in Hessen«
2. »Zukünftige Entwicklungen der Psychotherapie«
3. »Wissenschaftliche und ökonomische Gesichtspunkte und Neuordnung der Psychotherapie«
4. »Prävention – Gesundheitserzieherische Aufgaben und Psychotherapie«.

In »Schlussbemerkungen zur gesellschaftlichen Relevanz der Psychotherapie und des Kammerprojektes« weist Jürgen Hardt unter anderem darauf hin, dass in einer »allgemeinärztlichen Praxis zwischen 1,8 und 3,5 Minuten zugehört wird« und bemerkt: »Kann man in einer so kurzen Zeit noch etwas über seine Lebenswirklichkeit berichten und kann jemand, der einem so komprimierten Bericht zuhören muss, noch etwas vom Leben wissen? Dieser Missstand ist Teil eines kulturellen Prozesses, der sich in der Gesundheitsversorgung verheerend auswirkt. Es ist der umfassende gesellschaftliche Verlust von Lebenswirklichkeit, der selbst vor Krankheit und deren Behandlung nicht haltmacht.«

Im Anhang ist eine Podiumsdiskussion dokumentiert mit dem Thema: »Entmenschlichtes Gesundheitssystem? – Menschenbilder im Veränderungsprozess«. Teilgenommen haben unter anderem Dr. Ursula Stüwe für die Landesärztekammer, Jürgen Hardt für die psychologischen Psychotherapeuten, Daniel Cohn-Bendit und Dr. Ellis Huber. Ich verzichte auf eine detaillierte Darstellung, möchte Ihnen allerdings nicht vorenthalten, dass Dr. Ellis Huber sich zum Ziel gesetzt hat »in Deutschland ein Versorgungsangebot als Netzwerk auszubauen, das mit Nächstenliebe ernst macht.« Daniel Cohn-Bendit empfiehlt: »Ich glaube im Gesundheitssystem müssen sich im Idealfall zwei autonome Subjekte begegnen, die sich gegenseitig anerkennen. Und wenn wir das erreichen, dann kostet das Ganze viel weniger, davon bin ich überzeugt.« Dr. Ursula Stüwe zum lCD und den DRGs: »Dieses Buch ist eine Ausgeburt des Teufels«. Jürgen Hardt zum Thema Mitleid: »Es geht hier um Empathie, um Mit-Leiden. Und das heißt, dass der Therapeut sich als potentieller Kranker verstehen muss.« Dr. Stüwe: »Ich gehe selbst nur im äußersten Notfall zum Arzt; da muss man mich schon »hinschleppen«. Das Buch schließt mit der Bemerkung: »Das Vertrauen in das bestehende, bereits fortgeschritten ›entmenschlichte‹ System scheint bei allen nicht sehr groß zu sein.« Ich möchte Ihnen das Buch dringend zur Lektüre empfehlen. Es ist vielseitig, unterhaltsam und erläutert anschaulich, warum sich somatisch tätige Ärzte und Psychotherapeuten oft nur schwer verständigen können. Manchmal denke ich sogar die Autoren leben in verschiedenen Welten.

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