Rezension zu Bindung in Bewegung

Hebammeninfo 5/11

Rezension von Petra Schönberner

Die Autorinnen, psychologische Psychotherapeutinnen mit Bewegungsschwerpunkt, haben aus einem interdisziplinären Arbeitskreis, der sich 1994 in Bonn begründete und sich der Untersuchung früher Interaktionsmuster widmete, ein Lehrkonzept und letztendlich auch dieses Buch entwickelt. Dies deutet bereits an, dass es sich um ein sehr umfassendes Unterfangen und entsprechendes Werk handelt.

Ausgehend von dem Gedanken, dass eine gute Beziehung, also eine sichere Bindung sich entwickelt in einem gelungenen Austausch von körpersprachlichen Signalen zur kindlichen Regulierung, stehen im Mittelpunkt die Mutter-Kind-Interaktionen im ersten Lebensjahr. Für die Untersuchung dieser Interaktion haben sie das Bonner Modell der Interaktionsanalyse entwickelt, welches von einem rhythmisch-dynamische Handlungsdialog ausgeht in den Dimensionen Kraft, Raum und Zeit. Es soll Aussagen über den jeweiligen Bindungstyp, über frühe Interaktionsmuster bzw. –störungen, sowie über Prävention und Behandlung ermöglichen. Die Autorinnen versuchen in ihrem umfangreichen Werk alle Bausteine, die sie für ihre Interaktionsanalyse benötigen, aufzunehmen und theoretisch abzuhandeln. Das Buch ist in 3 Hauptteile gegliedert. Teil I stellt die Konzeption vor: soziologische und entwicklungspsychologische Hintergründe (z.B. Entwicklung des kindlichen Selbst), interaktionelle sowie psychodynamische Grundlagen. Teil II stellt die Diagnostik und entsprechende Leitlinien vor: Bindungstheorie, das entwickelte Bonner Modell der Interaktionsanalyse sowie klinische Beispiele. Teil III widmet sich dem Lehrkonzept mit Curriculum, Standortbestimmung und Fallarbeit.

Die Leserin erhält viel gut aufbereitetes Hintergrundwissen zu Konflikt- und Strukturpathologie, Bindungsforschung mit Fremde-Situations-Test, Säuglingsforschung etc. Detailreich wird die Auswertung der frühkindlichen Interaktion dargestellt mit Bewegungsprofilen und diversen Skalen. Dieser Teil war für mich etwas verwirrend und schwer nachvollziehbar, da ich mit Bewegungsanalyse nicht vertraut bin und Bewegung sich schwer verbalisieren lässt. Hingegen ist die psychodynamischinteraktionelle Betrachtungsweise auch in anderen Modellen Grundlage.

Meines Erachtens ein in vielen Teilen gelungenes Buch, in welchem das Engagement der Autorinnen zum Ausdruck kommt. Durch den Anspruch alle theoretischen Hintergründe und das Lehrkonzept vorzustellen, ist es aber etwas sehr dicht und »überfrachtet«, kann letztendlich doch vieles nur »anreißen«. Eine Konzentration auf und ausführlichere Darstellung des Bonner-Modells und dessen Spezifität sowie die Auslagerung der anderen Kapitel wären m.E. wünschenswert gewesen und leserinnenfreundlicher, ebenso ein Sachregister.

Für diejenigen, die sich von viel Stoff und Textdichte nicht abschrecken lassen, ein empfehlenswertes Buch, um einen Einblick in die »Bonner-Art« der frühkindlichen Interaktionsanalyse zu gewinnen.

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