Rezension zu Ich - Eine Illusion?

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Rezension von Werner T. Fuchs

Die verschiedenen Bewusstseinskonzepte der Psychoanalytiker, Mystiker und Neurowissenschaftler darzulegen, zu vergleichen und zu werten, ist eine gute Idee. Denn etliche Grabenkämpfe und Missverständnisse ließen sich vermeiden, wenn die Anhänger einer Partei mehr über die anderen wüssten.

Dieter Funke ist zwar kein Neurologe, studierte aber Philosophie, Theologie und Psychologe. Zudem wirkt er als Psychoanalytiker, der sich auch mit der Funktionsweise des Gehirns befasst. Das sind keine schlechten Voraussetzungen, um das angestrebte Ziel erreichen zu können. Erste Zweifel zum Gelingen beschlichen mich aber bereits nach der Einleitung. Denn die fünf beschriebenen Schritte sind nicht so leicht verständlich, wie sich das wohl die meisten Leser wünschten.

Im ersten Kapitel »Psychoanalytik und Mystik – ein Dialogversuch« kommt Sigmund Freud ins Spiel, was ich nur bedingt für glücklich halte, weil es Nicht-Freudianer abschrecken könnte. An dieser Einschätzung ändert auch nichts, dass Dieter Funke den Begründer der Psychoanalyse als Hannibal, Mose, Ödipus, Poet, Prophet, Weisheitslehrer, Kopernikus und Ptolemäus vorstellt. Das hätte man auch einfacher haben können. Nur wäre dann der Autor vielleicht als weniger belesen dagestanden. Ebenfalls zum ersten Kapitel gehören die Ausführungen über differente Erfahrungen und gemeinsame Optionen der Psychoanalyse bzw. Mystik.

Im zweiten Kapitel »Das Ich in Mystik und Psychoanalyse« nimmt der Autor seine Leser auf eine Reise mit, die ihn nach Indien, zum Buddhismus und Taoismus sowie zur abendländischen Mystik führt. Und auch hier hatte ich das Gefühl, dass kürzere Ausflüge einen ähnlichen Erkenntnisgewinn gebracht hätten. Ähnliches gilt bei den Ausführungen zum Ich in der Psychoanalyse. Im dritten Kapitel »Theorie des Ichbewusstseins als Interpretationsrahmen für psychoanalytische und mystische Erfahrung« geht es um sprachphilosophische Annäherungen, Konstruktivismus, Naturalisierung in den Neurowissenschaften, Ichbewusstsein und Quantentheorie, Identität und Differenz, Modelle der Bewusstseinsevolution, Enthaltensein des Ichs im Unbewussten, die magische Vorzeit, Zentrierung und Dezentrierung des Ichs. Doch so interessant viele Ausführungen auch sind, so schwierig ist es, allen Assoziationen des Autors zu folgen.

Im vierten Kapitel versucht der Autor das Jenseits des Ichs psychoanalytisch und mystisch zu betrachten. Daher muss der Leser sich ebenfalls mit naturalistischen, intersubjektiven und ontologischen Dezentrierungen auseinandersetzen, die Paradigmenwechsel der Weltbilder verstehen, das dreidimensionale Modell des Unbewussten als Bezugsrahmen für Mystik und Psychoanalyse begreifen und dem Autor in die drei Dimensionen des Unbewussten folgen.

Das fünfte Kapitel »Die Bedeutung der mystischen Erfahrung für Psychotherapie und Psychoanalyse« ist nicht einfacher geschrieben als die vorangehenden. Und wer es schließlich bis Seite 331 geschafft hat, erhält noch einen Ausblick auf die Frage, ob das Ich eine Illusion sei.

Mein Fazit: Von Leseerfahrungen spreche ich bei meinen Rezensionen auch deshalb, weil sie unter anderem wiedergeben sollten, wie ich meine Zusammenarbeit mit einem Buch sehe. Denn als solche bezeichnet die bekannte Autorin Siri Hustvedt das Verhältnis zwischen Text und Leser. Bei diesem neuen Buch von Dieter Funke kam mir dies auch in den Sinn, weil ich guten Mutes an die Lektüre heranging. Das Thema interessierte mich, Vorwissen brachte ich mit, Zeit hatte ich zufälligerweise mehr als sonst. Und trotzdem machte mir die Lektüre nur beschränkt Freude. Denn Dieter Funke will einfach zu viel aufs Mal. Das geschieht zwar auch Eugen Drewermann, nur kann er es jeweils durch seine geschliffene Sprache und gute Strukturierung auffangen. Dieter Funke hingegen verheddert sich oft in Betrachtungen, die für das Verständnis der Kernaussagen unwesentlich sind. Jedenfalls muss der Leser sehr viel Interesse und Geduld aufbringen, um das Verbindende und Trennende verschiedener Blickwinkel zu sehen. Und die Ausflüge ins Reich der Neurologe sind leider nicht neusten Datums.




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