Rezension zu Die dritte Haut

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Rezension von Werner T. Fuchs

Da wird sich wohl mancher Leser überfordert fühlen

Von Leseerfahrungen spreche ich bei meinen Rezensionen auch deshalb, weil sie unter anderem wiedergeben sollten, wie ich mit meiner Lernbiographie die Zusammenarbeit mit einem Buch sehe. Denn als solche bezeichnet die bekannte Autorin Siri Hustvedt das Verhältnis zwischen Text und Leser. Bei diesem neuen Buch von Dieter Funke kam mir dies auch in den Sinn, weil ich guten Mutes an die Lektüre heranging. Das Thema interessierte mich, Vorwissen brachte ich mit, Zeit hatte ich zufälligerweise mehr als sonst. Und trotzdem machte mir die Lektüre nur beschränkt Freude. Denn der studierte Philosoph, Theologe, Psychologe und Psychoanalytiker will einfach zu viel aufs Mal. Das geschieht Eugen Drewermann zwar ebenfalls häufig, nur kann er es jeweils durch seine geschliffene Sprache und gute Strukturierung auffangen.

Bereits bei seinem Buch »Die dritte Haut: Psychoanalyse des Wohnens« stellte ich fest, dass der Autor Schwierigkeiten bekundet, seine assoziativen Gedankenspielereien und analytischen Betrachtungen in eine nachvollziehbare Form zu bringen. Jedenfalls, Funke spannt mit seiner »dritten Haut« einen psychoanalytischen Bogen vom Uterus bis zum letzen Lebensraum. In drei Kapiteln beleuchtet er
I Wohnen als Lebensform
II Das Haus und die Architektonik des Wohn-Ichs
III Pränatale Psychologie und Wohn-Selbst

Eher assoziativ als stringent durchstrukturiert eröffnet der Autor dem Leser neue und alte Erkenntnisräume. Der reiche Schatz an verarbeiteten Quellen – mit einem deutlichen Schwerpunkt bei Sigmund Freud – reicht von der Kulturpsychoanalyse bis zu Ergebnissen der Hirnforschung, von der IKEA-Werbung bis zum Laura Ashley-Zimmer in einem bayerischen Hotel. Wie von einem psychoanalytisch geprägten Werk, das sich mit Architektur beschäftigt nicht anders zu erwarten, finden sich natürlich auch Interpretationen zu Säulen und senkrecht aufgerichteten Gebäudeteilen und ihren Männlichkeitsparallelen. Dem psychologischen Psychotherapeuten und Psychoanalytiker Funke gelingt es, diese auf eine wenig penetrante Weise zu verarbeiten.

Wenn der Autor von seinen persönlichen Erfahrungen als Analytiker schreibt, lässt er den Leser an seiner Ratlosigkeit und der Gefühlsintensität in der Begleitung von Entwicklungsprozessen teilhaben. Man muss kein Fan der Psychoanalyse sein, um die Erlebnisse in ihrer Lebendigkeit nachzuvollziehen. Die Vielseitigkeit des Autors zeigt sich, wenn er den Leser in Räume mit traumatischen Erlebnissen ebenso begleitet wie zu Zeitgeistströmungen bis hin zum Entrümpeltrend.

Der variantenreiche Fundus an Abbildungen und Grafiken – insgesamt 71 – ist weit mehr als nur Illustration. Die Bilder regen an zum Nachdenken, zum Weiterdenken und Assoziieren.

Zusamengefasst: eine fleißig gesammelte Schatzkammer, angefüllt mit psychoanalytischen Assoziationen, herrlichen Metaphern, treffenden Parallelen zwischen Psychowelten und Wohnwelten. Manche dieser Schätze sind sehr aktuell, andere schon etwas antik ... facettenreich... Anfang und Ende, Geburt und Tod haben würdige Plätze gefunden. Geeignet ist das Werk vor allem für Menschen, denen psychoanalytische Assoziationen und Interpretationen mehr Freud als fragwürdig sind und denen es nichts ausmacht, wenn die Sprache eher dem zweiten als dem ersten Teil des Einsteinschen Grundsatzes folgt: »alles sollte so einfach wie möglich ausgedrückt werden, aber nicht einfacher«.

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