Rezension zu Perversion (PDF-E-Book)

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Rezension von Urs Jakob Schmincke

Perversion, auch in Abgrenzung zu anderen Störungen, verständlich zu erklären, ist nicht einfach. Anhand mehrerer klarer Punkte arbeitet Berner die Grenzlinien einer wirklichen Perversion heraus und belegt dies anschaulich und leicht leserlich mit Fallbeispielen. Dabei betont er die inneren Antriebe und Phantasien des Perversen, die sich nicht automatisch in der sexuellen Handlung widerspiegeln. Umgekehrt wird nicht jede als pervers angesehene Sexualpraktik (wie bis vor kurzem noch die Homosexualität) von Perversen ausgeübt.
Interessant ist auch die Begründung und Herausarbeitung der Wandlung des Begriffs »Perversion«, der mittlerweile nur noch selten in der Psychiatrie verwendet wird. Stattdessen wird der Begriff »Paraphilie« benutzt, wobei in diesem Fall der Bedeutungsinhalt beider Ausdrücke nicht exakt der Gleiche ist. In der Begründung des Begriffswandels schaut der Autor über den Tellerrand der Psychologie hinaus und führt auch gesellschaftliche Gründe an. So wird die Perversion als eindeutig negativ konnotiert bezeichnet, wohingegen die Paraphilie einen wesentlich neutraleren Eindruck macht. Dies liegt schon allein darin begründet, dass die Perversion schon längst Eingang in die Umgangssprache gefunden hat (zumindest von Angehörigen bildungsferner Schichten), wo sie völlig unpräzise und höchst abwertend als »Pejorativum« verwendet wird. Zum einen kann ein solcher Begriff schwerlich als neutral in der Wissenschaft eingesetzt werden, zum anderen hat sich sowohl der gesellschaftlich, als auch wissenschaftlich akzeptierte Rahmen dessen gewandelt, was innerhalb der Sexualpraktiken als pervers gilt und was noch als normal angesehen werden kann. Als Messlatte gilt hier mittlerweile die einfache wie logisch klingende Definition, dass solche Praktiken dem Störungsbegriff zuzuordnen sind, die tatsächlich eine möglichst objektive und subjektive Funktionseinschränkung (Leiden) für den Betroffenen bedeuten. Damit möchte sich die Medizin ausdrücklich davon fernhalten, mit ihrem Instrumentarium moralisierende Wertesysteme aufzustellen.
In der Beschreibung der verschiedenen Phänomene der Paraphilie (Fetischismus, Sadomasochismus, Pädosexualität und Pädophilie sowie Exhibitionismus und Pornografiekonsum) werden anhand konkreter und selbstverständlich anonymisierter Fallbeispiele sowohl der Krankheitsverlauf vor der Therapie, wie auch der Verlauf und Schwierigkeiten während der Therapie »en detail« beschrieben. Insbesondere die für die Psychotherapie wichtige Kindheitsgeschichte der betroffenen Patienten wird als hauptursächlich stringent und einleuchtend dargestellt. Dabei wird nicht verschwiegen, dass besonders in Fällen gerichtlich verordneter Therapien die Aussichten auf Erfolg gering sein können, beziehungsweise. Schwierigkeiten der Therapie enorm groß sein können, da zum Beispiel bei Pädophilie der gerichtlich verurteilte Täter oftmals keine Einsicht in sein Unrecht hat und aufgrund der von ihm nicht erkannten Behandlungsbedürftigkeit keine oder nur eine geringe Bereitschaft erkennen lässt, sich in der Therapie zu engagieren und damit zum Heilungserfolg beizutragen.
Meiner Meinung nach hat der Autor Wolfgang Berner hier ein Buch vorgelegt, das dem selbst gewählten Anspruch – zu zeigen, wie die klassische Psychoanalyse in Fällen von Paraphilie helfen kann – trotz einer knapp bemessen Seitenzahl voll gerecht wird.

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