Rezension zu Die Wahrheit über die lila Latzhosen

Broschüre der Österreichischen HochschülerInnenschaft: »Achter März 2011. Frauen. Mädchen. Lesben. Kampftag.«

Rezension von Judith Goetz

Nachbetrachtungen einer Latzhosenträgerin

Der amüsante Titel »Die Wahrheit über die lila Latzhosen« ist in dem 2004 erschienen Werk von Ursula G.T. Müller auch wirklich Programm, da die Autorin auch hält, was sie verspricht und mit einigen Jahren Abstand ausgehend von der kleinen deutschen Uni-Stadt Gießen, wo sie selbst Aktivistin und Beobachterin der »neuen« Frauenbewegung war, deren Geschichte nachzeichnet. In einer Art Bewegungsbiographie, die es auf besondere Art und Weise schafft, das Private mit dem Politischen zu verbinden, rekonstruiert die Autorin ihre Erfahrungen mit der nötigen Distanz um sowohl jene Momente und Eindrücke festzuhalten, deren politische Wirksamkeit sich bis heute zeigt, als auch Klischees auseinander zu nehmen und selbstkritisch so manchen Fehler einzugestehen. Wie so viele andere beginnt die Autorin, gerade aus den USA mit den Eindrücken der dortigen Frauenbewegung und revolutionären Stimmung der späten 1960er zurückgekehrt, in einer sozialistischen Frauengruppe. Ihre amüsanten Erzählungen führen weiter zur Gründung einer Lesbengruppe innerhalb einer Schwulenorganisation und verdeutlichen die Debatten innerhalb der autonomen Frauengruppierungen und ihren zentralen Themen wie dem Recht auf Abtreibung, Lohn für Hausarbeit. Auch die unipolitischen Aktivitäten der lokalen Frauengruppen in Gießen wie Zeigen von Frauenfilmen, Aktionen gegen sexistische Professoren finden in den Erzählungen von Müller ebenso Erwähnung wie Frauenfeste und Frauenzeitungen, die Gründung des ersten Frauenhauses sowie Konflikte zwischen Lesben und Heteras. In der humoristisch und sehr persönlich aufbereiteten Nachbetrachtung von 15 Jahren Frauenbewegungsgeschichte in den 1970ern und 1980ern bietet die Autorin ausgehend von Gießen auch einen Einblick die gesamten Entwicklungen im deutschsprachigen Raum und erklärt insbesondere auch für weniger informierte LeserInnen die zentralen Anliegen und Verläufe bewegungsgeschichtlicher Debatten und Politiken. Nicht zuletzt rechnet Müller auch mit den verbreiteten stereotypen und klischeeaufgeladenen Darstellungen der Zweiten Frauenbewegung ab und verdeutlicht auf diese Art und Weise auch die Wirksamkeit von Vorurteilen. Die selbstreflektiven Betrachtungen bieten folglich nicht nur einen guten Einblick in Frauenbewegungsgeschichte, das Erstlingswerk der Autorin mit ebenfalls sehr bewegter Geschichte (Mathematikerin in den USA, Frauenbeauftragte, Staatssekretärin) liefert darüber hinaus gute Unterhaltung und das nicht nur für jene, die sich zurück erinnern können.

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