Rezension zu C.G. Jung - Zerrissen zwischen Mythos und Wirklichkeit

Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 2/2011, www.sanp.ch

Rezension von Haynal Andre

Alles hat seine guten Seiten – es genügt, dass man die Probleme vernünftig angeht. Spaltungen in Vereinen, besonders in den psychoanalytischen Berufsorganisationen, kommen in deren Geschichte häufig vor. Sie sind nicht nur schmerzhaft, sondern können auch destruktiv sein, obwohl sie, wenn genügend reflektiert, trotzdem fruchtbringend werden können. Das vorliegende Buch bietet ein gutes Beispiel dafür. Ein spannendes Kapitel über C.G. Jung und seine Probleme geht (v.a. Deirdre Bair folgend) einen neuen Weg. Dieses Vorstossen berücksichtigt auch Überlegungen Freud’scher und eklektischer Psychoanalytiker und stellt sich damit in den Gegensatz zu einem sektiererischen Zugang im Sinne von ›ipse dixit‹, ›autos efa‹ (er hat es ja gesagt). Aber eben, Psychoanalyse und analytische Psychologie sollen Zeugen individuellen Nachdenkens sein. Es geht um Spaltungen, zunächst in der realen äußeren Welt der Jungianer in Zürich. Darüber berichtet ausführlich der Teil III, »Zur Geschichte des C.G. Jung-Instituts Zürich«. Aber an erster Stelle geht es um das Studium – die Bearbeitung – innerer Spaltungen, wie sie sich in der Geschichte bezüglich heikler Themen, wie bei Jungs Beziehungen zu Patientinnen, zu Sabina Spielrein und zu seiner späteren Lebensgefährtin Toni Wolff, sowie bei Jungs politischen Stellungnahmen in den 1930er Jahren, manifestieren. Es ist der Versuch einer psychoanalytischen Geschichtsschreibung, auch wenn die Zeit dafür vielleicht noch nicht ganz reif ist. Das Buch könnte unter dem Motto stehen: »Wenn man nicht weiss, wohin man geht, sollte man sich erinnern, woher man kommt« (E. Heim). Die nachdenklichen analytischen Teile sind auch sehr sorgfältig dokumentiert. Die Reflexionen erlauben es, viele Aspekte der Geschichte der Tiefenpsychologien zu vertiefen, und sind eines Durcharbeitens wert. Das Problem der Idealisierungen und der unkritischen Nachahmung (S. 158) wird ebenfalls in Betracht gezogen. Neben Jungs »genialer Größe« werden auch seine »Borderlinepersönlichkeit« (S. 127) und sein »Mythos« (S. 128) betrachtet – und der Narzissmus der Psychoanalytiker überhaupt. Wie weit das Aufdecken seiner – aus heutiger Sicht – fraglichen Verfehlungen, wie auch derer seiner heutigen Kollegen gerechtfertigt ist, bleibe dahingestellt. Die Problemlösung durch Spaltungen spukt in den folgenden Generationen noch immer herum. Die breite Darlegung der minuziös dokumentierten zeitgenössischen Streitigkeiten, wofür eine viel kürzere Fassung genügen würde, zeugt davon. In der Beschreibung der heutigen Situation wird das Buch polemisch, bitter, anschuldigend, eine apologia pro domo – und entspricht somit nicht dem hohen Standard, den die Autoren sonst für sich in Anspruch nehmen. Es ist hinzuzufügen, dass die eine Autorin die Tatsache, dass sie als Präsidentin des Jung Institutes selbst in die Geschichte verwickelt war, offen berichtet, und auch, dass sie demzufolge eine «subjektive Sichtweise» nicht hätte vermeiden können (S. 343). Die persönliche Beteiligung stört offensichtlich die wissenschaftlich notwendige Reflexionsdistanz. Wie dem auch sei, es wird die Auswirkung der unbearbeiteten Vergangenheit der Schulgründer durch den Wiederholungszwang auf die folgenden Generationen – die auch in anderen tiefenpsychologischen Schulen deutlich sichtbar ist – klar herausgearbeitet. Schade, dass die ausgezeichnete erste Hälfte des Buches durch die zweite Hälfte für aussenstehende Leser wenig ausbalanciert wirkt. Es ist, als wären es zwei Bücher in einem: eine glänzende Übersicht der psychodynamischen Kräfte in den tiefenpsychologischen Ausbildungsinstitutionen und Gesellschaften, gefolgt von einer Streitschrift mit sensiblen Geschehnissen um lösbare juristische Fragen (Stiftung oder Gesellschaft). Leider fehlen sowohl Namen- wie Sachregister.
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