Rezension zu Psychoanalyse und Systemtheorie in Jugendhilfe und Pädagogik

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Rezension von Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff

Entstehungshintergrund und Thema
Das hier vorgestellte Buch ist der 18. Band des regelmäßig erscheinenden Jahrbuchs für psychoanalytische Pädagogik. Ausgangspunkt der insgesamt sieben Hauptbeiträge ist der Diskurs um die »Leittheorie« im Bereich der Sozialen Arbeit bzw. Sozialarbeitswissenschaften: In den letzten Jahren - mit einer zunehmenden Entwicklung einer Sozialarbeitswissenschafts-Theorie - haben Systemtheorie bzw. Konstruktivismus (in seinen verschiedenen Ausprägungen) sich nach und nach zu einem zentralen theoretischen Paradigma entwickelt; dem gegenüber ist die Psychoanalyse in den Hintergrund getreten. Im Unterschied hierzu hat die Systemtheorie oder auch Systemtherapie im Bereich der (Sonder)-Pädagogik nicht diese Bedeutung erlangt und ist nach wie vor »nur randständig« (S.103).
Die Beiträge in dem Buch – beginnend beim fachlich gut aufgesetzten Editorial – zeigen aus einer eher psychoanalytischen Perspektive die entsprechenden Diskurslinien. Im Editorial wird schon sehr deutlich, dass der systemtheoretische Zugang zu den Handlungsfeldern Sozialer Arbeit einerseits »einfacher« ist aufgrund von Ausbildungsstrukturen, aber auch besseren Transfermöglichkeiten von Theorie und Methoden in die Handlungsfelder der Sozialen Arbeit. Es scheint, dass Systemtheorie und Konstruktivismus eine »entlastende Funktion« ausüben: »Sie befreit von mitunter als höchst schwierig erlebte Beziehungswünsche der Klienten, verzichtet auf intensive persönliche Auseinandersetzung, vermeidet konflikthafte Verstrickungen und sorgt dafür, dass die Beschäftigung mit verborgenen und unbewussten Motiven, widersprüchlichen Wünschen und Begehren überflüssig wird. Die Psychoanalyse hingegen hält daran fest, dass der inneren Dynamik und Konflikthaftigkeit von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine besondere Aufmerksamkeit gebührt« (Editorial S. 11). Damit wird zunächst eine bessere Verwertbarkeit und Funktionalität systemtheoretischer Konzepte und daraus abgeleiteter Methoden postuliert – die andererseits im gesamten Band auch wiederum kritisch diskutiert wird.

Aufbau und Inhalt
Die inhaltlichen Beiträge seien im Folgenden kurz vorgestellt.
Peter Kastner stellt unter dem Kapitel »Geschichte(n) verstehen oder systematisch denken« »Veränderte Wahrnehmung in der Sozialpädagogik« dar. Dabei wird eine Schwerpunktverlagerung »von innen nach außen« postuliert, die er insgesamt als »Kampf um die Definitionsmacht, was als anthropologisch Konstituierende des Subjekts und sein Verhältnis zur Objektwelt der ›Realität‹ zu gelten hat« (S. 24) betrachtet.
Annelinde Eggert-Schmid Noerr stellt unter dem Titel »Zwangsvermütterlichung«. Vom Nutzen des psychoanalytischen Blicks auf den Fall einer gescheiterten »Sozialpädagogischen Familienhilfe« zunächst sehr ausführlich eine Fallgeschichte dar, die dann in einer psychoanalytischen Perspektive analysiert wird. Dabei werden insbesondere die latenten Dynamiken der komplexen Beziehungsstrukturen reflektiert (S. 36ff).
Thomas Hermsen und Martin Schmid greifen nach einer Skizzierung der Luhmann’schen Systemtheorie (»Luhmanns Systemtheorie, Psychoanalyse und Familienhilfe. Ein Systematisierungs- und Abgrenzungsversuch«) diese Fallgeschichte wieder auf und stellen Möglichkeiten einer systemtheoretischen Betrachtung sowie eines entsprechenden Fallverstehens dem vorherigen Kapitel gegenüber.
Margret Dörr versucht in ihrem Beitrag »Analogien und Differenzen zwischen psychoanalytischer Pädagogik und konstruktivistisch-systemtheoretischer Pädagogik« eine systematische Gegenüberstellung zwischen den Prämissen einer psychoanalytischen Pädagogik einerseits und denen einer konstruktivistisch-systemtheoretischen Pädagogik andererseits. Im dritten Analyseschritt wird dann der Versuch gemacht »einen Bogen zu spannen« zwischen diesen beiden theoretischen Konzepten. Dörr kommt zu dem Schluss, dass dies prinzipiell nicht möglich ist: »Im Gegensatz zur konstruktivistisch-systemtheoretischen Pädagogik hält die psychoanalytische Pädagogik daran fest, dass sowohl die Bereitschaft die Fähigkeit zur Selbstbestimmung des Subjekts abhängig ist von seiner im Prozess des Aufwachsens mühsam erworbenen Fähigkeit im Umgang mit dem eigenen Begehren (…), vom Vermögen das eigene Leben hinreichend konsistent und kohärent zu organisieren, sowie von der Fähigkeit die moralischen Ansprüche der Umwelt zu beachten.« (S.97)
Bernd Ahrbeck und Marc Willmann machen in ihrem Beitrag »Verhaltensstörungen als Konstruktion des Beobachters?« »kritische Anmerkungen zur systemisch-konstruktivistischen Perspektiven in der Pädagogik bei Verhaltensstörungen«. Dabei wird insbesondere das konstruktivistische Konzept von Palmowski kritisch betrachtet. Besonders deutlich wird das auf systemisch-konstruktivistischer Basis entstehende »legitimatorische Grundproblem«, nämlich »die Frage, ob bei der Relativität und Gleichberechtigung individueller Möglichkeitskonstruktionen überhaupt noch erzieherische Ziele festgelegt werden können« (S. 116f). Ebenso konstatieren die Autoren, dass die Dynamik der Beziehung zwischen PädagogIn und (verhaltensauffälligem) Kind aus einer rein konstruktivistischen Sicht nicht mehr reflektierbar wäre.
Heinz Krebs formuliert in seinem Beitrag »Psychoanalytisch-pädagogische und systemische Perspektiven in der institutionellen Erziehungsberatung«. Dabei sucht er sehr differenziert nach entsprechenden »Differenzen und Übereinstimmungen«.
Mathias Schwabe befasst sich im letzten Hauptbeitrag »Mit ›psychoanalytischen‹ und ›systemischen Stämmen‹ und ›Geschichten‹ unterwegs in der Jugendhilfe«. Er greift nochmals Aspekte des Editorials auf, insbesondere die unterschiedlichen Traditionslinien der beiden Ansätze und die Professionalisierungs-Debatten. Schwabe kommt zu dem Schluss kommt, dass die beiden »Stämme um das selbe Thema (kreisen) und darüber nur in Teilen ›Geschichten‹ erzählen« (S. 564).

Fazit
Das Jahrbuch kennzeichnet das Ringen um Identität und (Neu-)Bestimmung psychoanalytischer Pädagogik – angesichts der theoretischen Herausforderungen des (radikalen) Konstruktivismus bzw. der Systemtheorie und deren rasanter Verbreitung in der Theoriebildung Sozialer Arbeit in den letzten 10 bis 15 Jahren. Zugleich geht es um eine Positionierung der Psychoanalyse und deren Erklärungsmuster insgesamt unter radikal veränderten gesellschaftlichen Bedingungen und Sozialisationsprozessen in der Postmoderne. Entsprechend werden zentrale Fragestellungen aufgeworfen:
Was gibt angesichts rasant wachsender Komplexität und der Vielfalt von Optionen, der scheinbaren Beliebigkeit von Werten, den Professionellen Handlungssicherheit?
Was ist angesichts eines scheinbaren Nebeneinander-Stehens von Erklärungsmustern und rasch wandelnder Erklärungskonzepte noch »Wahrheit«, die im Dialog konstituiert werden kann?
Welche Bedeutung haben pädagogische oder therapeutische Beziehungen? Und: Wer trägt eine Verantwortung für das pädagogische Geschehen?
Das Buch sucht nach Antworten auf diese Fragen. Es bezieht immer wieder die Bedeutung des Verstehens von Dynamiken - die auch über das Individuum hinaus gehen - mit ein; besonders wichtig ist dabei der Blick über das unmittelbare »Hier und Jetzt« hinaus.
Dieses Ringen um Identität und Bedeutung einer modernen Psychoanalyse in pädagogischen Handlungsfeldern zeichnet das Buch aus. Neben einigen gut aufbereiten theoretischen Analysen ist insbesondere die Betrachtung des Fallbeispiels aus der Familienhilfe aus zwei Perspektiven positiv hervor zu heben.
Dieses Buch eignet sich nicht als Handlungsanweisung für PraktikerInnen, aber in guter Weise als Reflexionsmöglichkeit und vor allem als Material für die Ausbildung von (Sozial)PädagogInnen.

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