Rezension zu Sex, Lügen und Internet

Zeitschrift für Sexualforschungen 23/2010

Rezension von Sven Lewandowski

Sophinette Becker, Margret Hauch, Helmut Leiblein (Hrsg): Sex, Lügen und Internet. Sexualwissenschaftliche und psychotherapeutische Perspektiven. Gießen: Psychosozial Verlag 2009 (Beiträge zur Sexualforschung, Bd. 93). 185 Seiten, mit Abbildungen, EUR 22,90

Sex und Internet ist ein Feld, auf dem Spekulationen, gut gedüngt durch massenmediale Diskurse, besonders üppig blühen und gedeihen, sodass Aufklärung aus sexualwissenschaftlicher, psychologischer wie soziologischer Perspektive dringend nötig ist, um überbordendem Halbwissen, Skandalislerungstendenzen, Hörensagen und bloßen Vermutungen Einhalt zu gebieten. Leider betreiben nicht alle Texte des vorliegenden Sammelbandes die Sache der Aufklärung, ja manchen sind eher »gegenaufklärerische« Tendenzen eigen, die besonders dann zum Vorschein kommen, wenn sich Autoren auf Themengebiete vorwagen, über die sie aufgrund fehlender fachlicher Qualifikation und/oder offenkundiger Unkenntnis der relevanten Literatur nur spekulieren können, und obendrein noch nicht einmal den Versuch unternehmen, die eigenen »Thesen« und »Vermutungen« mittels wissenschaftlicher Quellen abzusichern oder mit systematischen Beobachtungen zu untermauern.
Der Band beginnt mit einem ebenso oberflächlichen wie indiskutablen Text von Reinhold Munding über »Virtuelle Verhältnisse Sexualität als Thema im Internet«. Zwar mag man dem Autor zustimmen, dass es nötig ist, dass Therapeuten und Berater über Kenntnisse virtueller Welten verfügen, aber sein Text bietet so wenig sinnvolle Informationen, dass wer schon einmal in Internet war, eine E Mail geschrieben hat, weiß, was Smilies sind (wird auf S.21 ernsthaft erklärt!), das Wort »Chat« kennt sowie jeder der hin und wieder Zeitung liest, lieber weiterblättern und als seriöse Quelle den Überblicksartikel von Nicola Döring aus dieser Zeitschrift (2008; 21: 291 318) heranziehen sollte was, nebenbei bemerkt, auch Munding dringend zu raten wäre. Seinen Text zeichnet aus, dass er weder auf der Höhe der Forschung noch mit der einschlägigen Literatur auch nur annährend vertraut ist und obendrein seine Leser für gänzlich uninformiert hält. Unabhängig davon, ob der Beitrag für irgendeine Zielgruppe adäquat ist, bleibt offen, woher der Autor sein »Wissen« bezieht außer aus Massenmedien, eigenen (Vor ) Urteilen und unsystematischen Beobachtungen.
Vom Virus der spekulierenden Oberflächlichkeit ist auch Werner Meyer Deters/' Text über »Die Auswirkungen von Pornografie auf Kinder und Jugendliche Ursache sexueller Gewalt durch Minderjährige?« infiziert. Zwar verfügt der Autor als Leiter einer Einrichtung für ambulante Rückfallvorsorge für sexuell übergriffige Kinder und Jugendliche über empirische Zugänge; er erliegt aber der Versuchung, von seinen spezifischen einschlägigen Erfahrungen auf allgemeine soziale und sexuelle Wandlungsprozesse zu schließen. Zu raten wäre auch hier zur Selbstbeschränkung. Lässt man jedoch spekulative Erwägungen und Vorannahmen weg, so weiß Meyer Deters manch Erschreckendes zu berichten, wenngleich seine Beobachtungen unsystematisch sind und sein Text wissenschaftlichen Ansprüchen kaum genügen kann: Vom Verhalten sexualdelinquenter Minderjähriger und ihrem Pornografiegebrauch verallgemeinernd auf das Verhältnis von Jugendlichen und Pornografie zu schließen, sollte sich eigentlich verbieten. Auch dieser Text zeichnet sich durch fehlende Belege, fragwürdige Quellen und Annahmen aus, die aus den präsentierten Beobachtungen nicht erschlossen werden können, sodass vieles spekulativ bleibt. Im Gegensatz zu Munding und Meyer Deters verfügen Martin Dannecker und Arne Dekker über fundierte Kenntnisse virtueller Welten und so überragt die Qualität ihrer Texte die der meisten anderen. In seiem Beitrag »Verändert das Internet die Sexualität?« betont Dannecker, dass es sich beim Cybersex um eine »Als ob Interaktion« (S.39) und nicht um bloße Autoerotik handle, da sich die sexuelle Erregung einer "wechselseitigen Sexualisierung" und dem »narzisstisch befriedigend[en]« Erleben, einen anderen zu erregen, verdanke (S.37). Charakteristisch sei ferner, dass Cybersex »primär ein Medium ausgedehnter Vorlust« (S.37), zugleich aber strukturell der Psychoanalyse vergleichbar sei, da beide einen »sanktionsfreien Raum« (S.41) etablierten, in dem sich sexuelle Wünsche und Phantasien frei äußern könnten. Ähnlich wie im psychoanalytischen Setting entstehe ein Zwang (und die Freiheit) zur Verbalisierung des Sexuellen. Auf diese Weise fungiere das Internet als eine »Fabrikationsstätte sexueller Träume«, wobei "»sexuelle Interaktionen im Internet dazu beitragen, latente sexuelle Wünsche bewusstseinsfähig zu machen«, sodass man sagen könne, »dass das Netz sexuelle Wünsche generiert« (S.36 1.). Wenn aber der virtuelle Raum »als solcher einen spezifischen Umgang mit der Sexualität« (S.42) ermögliche, stelle sich die Frage nach Rückwirkungen der virtuellen auf die reale Sexualität - insbesondere, wenn man mit Dannecker annimmt, dass »die Attraktivität der Internetsexualität« darin besteht, »dass die genuine Konflikthaftigkeit der Sexualität im virtuellen Raum (…) abgeschattet wird« (S.42f.). Da die in virtuellen Räumen praktizierte Sexualität nicht ausschließlich virtuell sei, sondern durchaus /'handfest/' erlebt werde, setze sie »Engramme (…), die sich auf die ¬Sexualität in der realen Welt auswirken« (S.44). Solche Auswirkungen sieht Dannecker freilich nicht im Sinne direkter Handlungsrelevanz, sondern darin, »dass die virtuelle sexuelle Erfahrung die Sexualität partiell durchkreuzt, was die Möglichkeit eröffnet, über diese zu reflektieren und diese als veränderbar zu begreifen« (S.44).
In bemerkenswerter Klarheit arbeitet Arne Dekker heraus, dass Raumkonstruktionen beim Cybersex nicht klar von realweltlichen Räumen abgrenzbar seien und dass die weit verbreitete Annahme der Körperlosigkeit virtueller Räume falsch ist. An zwei Fallbeispielen kann er demonstrieren, dass und wie Raumkonstruktionen das cybersexuelle Erleben entscheidend prägen. Während utopische Raumkonstruktionen mit einem tiefen Eintauchen in virtuelle Welten und sexuelle Phantasien einher gingen, zeichneten sich heterotopische Raumkonstruktionen durch eine stärkere ,realweltliche Anbindung" aus, da sie die »materiellen Körper an materiellen Orten« betonten (S.54). Im Gegensatz zu utopischen Räumen seien in diesem Falle Störungen ebenso unproblematisch wie eine Statuspassage des Übergangs nur gering ausgeprägt. Weitere wesentliche Unterschiede lägen in der Stärke der Anbindung an realweltliche Räume, der Realitäts- und der Raumwahrnehmung (S.54).
Um die bereits von Dannecker aufgeworfene Frage zu beantworten, ob und wie Cybersex sich auf realweltliche Sexualitäten auswirke, sei zunächst zu fragen, »wie Handlungsfähigkeit beim Cybersex überhaupt entsteht oder allgemeiner: wie entstehen beim Cybersex sexuelle Subjekte« (S.55) Unter Rekurs auf Judith Butlers Konzept der Anrufung argumentiert Dekker, dass beim Internetsex die Anrufung in einer spezifischen Form, »nämlich in Gestalt einer beständigen Wahrheits und Authentizitäts¬suche« stattfinde (S.56). Die permanente Frage »Bist Du wirklich ...?«, die sich typischerweise auf den Körper des anderen beziehe, binde virtuelle an realweltliche Körperlichkeit zurück und führe so paradoxerweise dazu, dass »beim Cybersex [...J die laufende Ansprache als Körpersubjekt im Rahmen von Authentifizierungsstrategien die realweltlichen Körperkonstruktionen [reifiziertj, anstatt sie zu unterwandern« (S.56).
Freilich hänge die Weise, in der dies geschehe, wiederum von den unterschiedlichen Raumkonstruktionen ab: Während im utopischen Raum realweltliches Subjekt und virtuelle Körperkonstruktionen weitgehend entkoppelt seien und das Subjekt des¬halb durch permanente Wahrheitssuche an seinen realen Körper zurückgebunden werde, ermögliche Cybersex in heterotopischen Räumen ein "großes Maß an Selbstreflexivität" und es bestehe die Möglichkeit, "dass die virtuellen Verkörperungen zu einem Bestandteil der realweltlichen Subjektivierungsprozesse werden" (S.57). Vergleiche man beide Raumkonstruktionen im Hinblick auf Möglichkeiten eines realweltlichen Empowerments, so seien im zweiten Falle die Chancen als günstiger einzuschätzen.
Während Dannecker und Dekker sozial wissenschaftlich argumentieren, orientiert sich Sonja Dürings Text Verführungen im Netz an der therapeutischen Praxis. Die Autorin führt eine Reihe von Beobachtungen an jungen Frauen, die sich scheinbar wahllos sadomasochistischen Eskapaden hingeben, sowie Männern vor, die sich »zwischen Sexsucht und dem Traum von der großen Liebe« bewegen. In Bezug auf das Internet stellt Düring – durchaus vergleichbar mit Danneckers Konzeption – die Frage, ob dieses als »eine Art therapeutischer Raum« fungiere: Ähnlich wie in der therapeutischen Übertragungsbeziehung erlebten Menschen »über die Interaktivität des Internets (…), dass ihre sexualisierten Sehnsüchte, Wünsche und Ängste laufend gespiegelt werden.« Zwar vermöge diese Art der Spiegelung nicht das zu leisten, was eine Psychotherapie ermögliche, aber sie erlaube, »dass viele PatientInnen über den Prozess des Durch- und Weiterklickens überhaupt erst ihren Regungen und Wünschen auf die Spur« kämen (S. 67). Mit Referenz auf Stollers Konzeption der Perversion als Umwandlung von erlittenen Traumen in Triumphe vermutet Düring ferner, dass Männer beim Surfen nach sexuellem Material »auf unbewältigte Ohnmachtsgefühle oder Schlüsselszenen zu(steuern), ohne dass dies bewusst wird« (S. 67f.). Der Konsum von Pornografie im Internet verführe mithin nicht zu einer »anderen Art der Sexualität«, sondern folge »schon ausgebildeten, vielleicht noch nicht bewussten ›sexuellen Skripten‹« (S. 71).
Im ersten (!) Satz ihres Textes Fluchtort: Daily Soap, der sich dem Thema aus der Perspektive der therapeutischen Behandlung einer jungen Frau widmet, sagt Gabriele Teckentrup, dass sie die Frage, ob sie etwas zum Thema »Sex und Internet bei Jugendlichen« beitragen könne, verneinen müsse (S. 85). Wieso der Text, der sich explizit nicht mit dem Thema des vorliegenden Bandes befasst, in ihn aufgenommen wurde, bleibt unklar. Ähnliches gilt für Beate Hofstadlers Beitrag Durchs Schlüsseloch – Zur Rezeption sexueller Filmsequenzen, der sich weder mit dem Internet noch mit der Sexualität, sondern mit Kino(filmen) und Geschlechtskonstruktionen befasst und somit das Thema des vorliegenden Bandes ebenfalls verfehlt. Freilich bietet er einige interessante, mit Lacan untermauerte Ansätze zur Film- bzw. Medienrezeption, die jedoch nicht mit dem Thema Internet verbunden werden.
Ulrike Brandenburgs Fallgeschichte »Wenn er virtuell fremdgeht« schildert die psychotherapeutische Beratung einer Frau, die entdeckt, dass ihr Mann im Internet heimlich Pornografie konsumiert. Der Text hebt sich von manch anderen Texten in diesem Band (Munding, Meyer Deters) dadurch positiv ab, dass die Autorin ausschließlich von dem spricht, wofür sie kompetent ist und sich weder zu Verallgemeinerungen noch zu Spekulationen hinreißen lässt. Unter dem Titel »Das schnelle Date« berichten Axel J. Schmidt, Michael Bochow und Stefanie Grote von ihrer Fragebogenstudie zum HIV Übertragungsrisiko bei online angebahnten Sexualkontakten. Online wurden Daten vor allem homosexueller Männer erhoben, die über Banneranzeigen auf einschlägigen Datingseiten rekrutiert wurden. Das bemerkenswerteste Ergebnis ist, dass sich Unterschiede im Infektionsrisiko primär auf die Zahl der Sexualpartner und nicht darauf zurückführen lassen, ob diese online oder offline gefunden würden. In seinem Beitrag Fantasien der Jungen, Phantasmen der Alten, der unverständlicherweise am Ende und nicht am Anfang des Bandes steht, ruft Gunter Schmidt zur Gelassenheit auf und warnt zugleich davor, allzu voreilig alle Daten und Beobachtungen zu Sex, Pornografie und Internet im Raster eigener Vorurteile zu interpretieren. Vor allem aber moniert Schmidt, dass die "Weigerung«, bei jugendlichem Pornografiekonsum »einmal genauer hinzugucken, (…) beeindruckend" sei (S. 147) und betont, dass über seine tatsächlichen Auswirkungen wenig bekannt sei (S.148). Nötig sei ein Perspektivwechsel, der weniger danach frage, was Pornographie mit Menschen mache, sondern danach, was Menschen mit Pornographie machten (S.153). Die Theorie sexueller Skripte biete hier wichtige Ansätze, da sich beispielsweise zeigen ließe, dass "pornografische Stimuli auf eine schon vorhandene Struktur des Begehrens" träfen, also auch Jugendliche keine "leere Tafel [seien], in die nun pornotypische Skripte eingraviert" würden (S.149). Eine gewisse Heterogenität ihrer Texte kann unter Umständen die besondere Stärke von Sammelbänden ausmachen. Der vorliegende Fall zeigt allerdings, dass es nicht immer sinnvoll ist, jeden Vortrag einer Tagung auch zu publizieren, insbesondere wenn einige Beiträge das Thema recht eindeutig verfehlen oder außen vor lassen (Teckentrup, Hofstadler) oder sich aber auf wissenschaftlich so indiskutablem Niveau bewegen, dass Zweifel an der Sachkenntnis der Autoren aufkommen (Munding, Meyer Deters). Zwar sind einzelne Beiträge (besonders: Dannecker, Dekker) gelungen, nicht aber der Sammelband als ganzer. Handelte es sich um ein Themenheft einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift, so hätte wohl ein Gutteil der Texte das peer review Verfahren nicht überstanden.

Sven Lewandowski (Hannover)

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