Rezension zu 20 Jahre deutsche Einheit - Facetten einer geteilten Wirklichkeit

Sächsische Zeitung vom 21.9.2010

Rezension von Manfred Schulze

Junge Ostdeutsche freuen sich besonders über die Einheit

Ein Leipziger Professor entdeckte, dass dagegen nur 40 Prozent der Älteren positive Gefühle mit dem 3.Oktober 1990 verbinden.

Jüngere Ostdeutsche freuen sich mehr als ältere über die deutsche Einheit. Das ist ein Ergebnis einer repräsentativen Befragung von Prof. Elmar Brähler, Leiter der Medizinischen Psychologie und Soziologie der Universität Leipzig. Sie ist Teil einer Sammlung von Umfragen und Essays unter dem Titel »20 Jahre deutsche Einheit - Facetten einer geteilten Wirklichkeit«, die gestern in Leipzig vorgestellt wurde. Sie geht der Frage nach: »Wie ticken die Ostdeutschen nach 20 Jahren deutscher Einheit?«

Unter den Befragten aus Ost und West fanden es nur 47,7 Prozent der Ostrentner über 75 Jahre »höchste Zeit, dass 1989 die SED-Herrschaft endete«. Bei den unter 25- Jährigen waren es 60,7 Prozent. Das sind allerdings immer noch deutlich weniger als im Westen, wo 78 Prozent diesen Satz unterschrieben. Und während lediglich 40 Prozent der Ostrentner überwiegend Gemeinsames zwischen Ost und West sehen, sind es bei den Jungen mit 62 Prozent zwar mehr - aber eben längst nicht alle. Insofern überrascht nicht, dass fast alle angeben, dass das Zusammenwachsen wohl weitere 20 Jahre dauert.

Drastischer noch bringt es Prof. Wolf Wagner aus Erfurt auf den Punkt. »Es war 1990 ein Kulturschock für die Ostdeutschen, ein hoffnungsvolles Trauma. Doch bis heute fühlt sich ein erheblicher Teil der Bevölkerung als Deutsche 2. Klasse«, so der Soziologe, der seit Jahren am »Thüringen-Monitor« beteiligt ist. Danach stimmen heute mit 55 Prozent mehr denn je der These zu, Westdeutsche würden die Ostdeutschen als zweitklassig abstempeln. Unter den 18bis 24-Jährigen sehen das sogar 76 Prozent so - Tendenz steigend.

Wagner sieht das nicht allein als Ergebnis von elterlicher Einflussnahme oder gar indoktrinierter Lehrerschaft - es werde auch von der Politik mit realen Dingen untermauert, so der Professor mit Westbiografie. Er selbst habe in seiner aktiven Zeit in Erfurt mehr Vergütung erhalten, als seine Ostkollegen, und bis heute würden Mindestlöhne oder Sozialleistungen mit einem Ostabschlag versehen. »Das ist willkürlich, man empfindet das als Rassismus«, sagt der Professor.

Die Folge ist - neben der manifestierten Stimmung - die Flucht in den Westen, die den demografischen Wandel beschleunigt, zumal besonders viele junge Frauen abwandern. Doch auch hier ergibt eine weitere Befragung Bemerkenswertes: So wollen zwar viele Westdeutsche, die im Osten leben (gut 20 Prozent) später einmal wieder in die Heimat zurückkehren. Nicht aber die ostdeutschen Auswanderer: Hier sind nur zwei Prozent sicher, sieben Prozent sagen: wahrscheinlich.

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