Rezension zu 20 Jahre deutsche Einheit - Facetten einer geteilten Wirklichkeit

Leipziger Volkszeitung vom 21.9.2010, S.3

Rezension von Jan Iven

Forscher: Die innere Einheit könnte noch länger dauern

Leipzig: Neue Studie über die Einstellungen der Ost- und Westdeutschen

Als einen Kulturschock für die Ostdeutschen bezeichnete der Berliner Sozialwissenschaftler Wolf Wagner die Wiedervereinigung gestern bei der Vorstellung des Buches »20 Jahre deutsche Einheit - Facetten einer geteilten Wirklichkeit«. »Am Anfang gab es die Wiedervereinigungseuphorie, ein hoffnungsvolles Trauma«, sagte Wagner. »Doch dann wurden viele Menschen im Osten von der Realität eingeholt.«

Auch die Statistiken seiner Studie, die Elmar Brähler, Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Leipzig, bei der Buchvorstellung präsentierte, sind durchwachsen: So sehen 43,1 Prozent aller Westdeutschen eine deutlich positive gesellschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland, aber nur 32,4 Prozent aller Ostdeutschen. Auch konnten noch 49,2 Prozent aller Ostdeutschen der Aussage zustimmen, dass der Sozialismus im Grunde eine gute Idee war, die bisher nur schlecht ausgeführt worden sei - im Westen stimmten 29,9 Prozent zu. Nichtsdestotrotz sind sich 59,8 Prozent aller Ostdeutschen und 75,8 Prozent aller Westdeutschen darin einig, dass es höchste Zeit war, dass das SED-Regime beseitigt wird.

Überrascht habe Brähler jedoch, dass ausgerechnet die ostdeutsche Jugend sich am meisten über die Einheit freuen könne. »Da entwickelt sich eine Art positiver Trotz, der sich gegen alle Widrigkeiten den gesellschaftlichen Problemen stellt«, sagte Brähler. Die Jugendlichen im Osten wüssten ihre Freiheiten zu schätzen. Warum das bei den Jüngeren stärker ausgeprägt sei als bei den Älteren, die die DDR bewusst miterlebt haben, könne er allerdings nicht sagen.

Als problematisch bezeichnete es der Sozialwissenschaftler Wagner, dass sich auch 20 Jahre nach der friedlichen Revolution immer noch 55 Prozent aller Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse sehen würden. Zwar gebe es dort, wo Ost- und Westdeutsche auf individueller Ebene direkt miteinander zu tun hätten, immer weniger Vorurteile. »Sobald sich die Menschen jedoch als Gruppen wahrnehmen, gibt es auf beiden Seiten immer noch Vorbehalte«, sagte Wagner. Dies diene jedoch oft nur dafür, um die Ursachen für eigene Probleme auf andere zu projizieren.

Hinzu komme, dass die Identität als benachteiligte Ostdeutsche den Bürgern der ehemaligen DDR erst von den Westdeutschen übergestülpt wurde. Zumal das Bild der DDR innerhalb der Familien weitergegeben würde: »Mit niemanden reden Jugendliche so viel über die DDR wie mit ihren Großeltern.«

Eines der größten Hindernisse für die Überwindung des Kulturschocks der Ostdeutschen ist laut Wagner die ungleiche Bezahlung in Ost und West: »Es gibt überhaupt keinen Grund dafür, dass Menschen im Westen für die gleiche Arbeit mehr bezahlt bekommen als im Osten.« Das müsse dringend aufgehoben werden.

Bis zur inneren Einheit Deutschlands werden den Westdeutschen zufolge noch 18,7 Jahre vergehen, den Ostdeutschen zufolge dauert es noch 20,2 Jahre. »Das könnte durchaus länger dauern«, so Wagner. »In Bayern haben wir auch nach über 100 Jahren noch eine eigene Mentalität und eine eigene Partei.« Das müsse aber nicht unbedingt schlecht sein.

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