Rezension zu Die Matthäus-Passion Johann Sebastian Bachs

Nürtinger Zeitung vom 7.9.2010

Rezension von Anneliese Lieb

Die Analyse hilft, Bach besser verstehen

Eine neue und gänzlich andere Analyse der Matthäus-Passion Johann Sebastian Bachs ist dem Düsseldorfer Psychiater und Psychotherapeuten Dr. med. Mathias Hirsch mit seiner Abhandlung »Die Matthäus-Passion Johann Sebastian Bachs - Ein psychoanalytischer Musikführer« gelungen. Im 155-seitigen Büchlein vom Format einer CD eröffnet Mathias Hirsch einen Zugang zum besseren Verstehen des berühmten Werks Johann Sebastian Bachs.

Demnach ist aus der Sicht des Autors das Oratorium, dieses menschliche Drama von Schuld und Unschuld, als ein psychologisches Drama der Bewältigung eines schweren Verlusts zu begreifen. Nach seinen Erkenntnissen laden die dramatische Handlung sowie die einzigartige musikalische Vertonungskunst Bachs »zu vielfältigen Identifikationen« mit den im Werk vorkommenden Rollen ein. Durch diese intensive und persönliche Auseinandersetzung wird der Hörer auf das Innigste berührt und gleichzeitig angeregt, mit Hilfe dieser psychodynamischen Mechanismen der Identifikation eigene Gewalt und traumatische Schmerzen aufgrund von Verlusten und Trennungen zu bewältigen.

»Die Matthäus-Passion ist musikalische Trauerarbeit, konfrontiert mit dem eigenen Tod und erreicht mit musikalischen Mitteln die Versöhnung mit der Begrenztheit der Conditio Humana«, so Hirsch.

Wer zu der Bachschen Musik allerdings weniger Zugang hat, findet in diesem Buch nichtsdestotrotz eine kluge Lektüre über die Passionsgeschichte, über die Kunst der barocken Musik sowie die Möglichkeit, sich auf psychoanalytischer Ebene Kunstwerken zu nähern, ohne sich dem subjektiven Empfinden des Autors anschließen zu müssen.

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