Rezension zu 20 Jahre deutsche Einheit - Facetten einer geteilten Wirklichkeit

Main-Post, Nr. 228, 2.10.2010

Rezension von Alice Natter

Gut vier Jahrzehnte haben die Deutschen in zwei verschiedenen Staaten gelebt, halb so lange nun wieder in einem gemeinsamen. Die innere Einheit? Kein Thema mehr, man hat sich eingerichtet. Doch teilen wir wiedervereinigten Deutschen 20 Jahre später wirklich eine gemeinsame Wirklichkeit? Worin unterscheiden sich die Ost- und Westdeutschen? Fühlen, denken, leben, lieben wir gleich? Der Leipziger Medizinsoziologe Professor Elmar Brähler hat mit Kollegen Antworten in einem gerade erschienen Buch zusammengefasst: »20 Jahre deutsche Einheit – Facetten einer geteilten Wirklichkeit«. Darin zeigen die Wissenschaftler beispielsweise, dass das Klischee vom »neidischen Ossi« nicht ganz aus der Luft gegriffen ist.

FRAGE: Herr Professor Brähler, wie ticken die Ossis, wie ticken die Wessis 20 Jahre nach der Wiedervereinigung? Wo sind die Unterschiede?
PROF. ELMAR BRÄHLER: Eine sehr umfangreiche Frage. Es gibt viele Bereiche, in denen es noch nie Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen gegeben hat. Und es gibt Bereiche, wo sich in den 40 Jahren vor der Wende Unterschiede herausgebildet oder verstärkt haben. Den größten Ost-West-Unterschied sehen wir in der Religionszugehörigkeit. Im Westen sind bestimmt 80 Prozent der Bürger kirchlich gebunden. Im Osten gehören 80 Prozent keiner Konfession an.

FRAGE: Nähern sich Ost und West da seit 1990 eher an – oder bleibt der Unterschied so groß?
BRÄHLER: Im Osten gibt es kein Comeback der Kirchen. Das ist ein Unterschied zu Russland oder zu Polen. Die geringe kirchliche Bindung ist eine Eigenheit der früheren DDR und etwas, was sich sehr lange halten wird. Ein anderer Unterschied, der ins Auge fällt, ist das Staatsverständnis. Die Ostdeutschen glauben immer noch, dass der Staat für Gerechtigkeit sorgen soll. Und unter Gerechtigkeit werden gleiche Lebensbedingungen verstanden. Nach westlichem Staatsverständnis definiert der Staat die Spielregeln, und dann ist jeder seines Glückes Schmied und muss sich anstrengen, um zu etwas zu gelangen.

FRAGE: Die Ostdeutschen bekämen das Glück gerne serviert? Oder neiden dem anderen das Glück?
BRÄHLER: Das Thema Neid spielt in Ostdeutschland eine größere Rolle. Zumindest gibt es hier eher »empört-rechtenden Neid«, also ein Gefühl der Benachteiligung. Ostdeutsche sind häufiger der Meinung, dass sie keinen gerechten Anteil am Lebensstandard haben und soziale Unterschiede nicht gerecht sind. Darin spiegelt sich die in der ehemaligen DDR vorherrschende Ideologie der allgemeinen Gleichheit wieder.

FRAGE: Die Wende wird hier und dort sicher auch unterschiedlich bewertet?
BRÄHLER: Sicher. Der Euphorie der Wiedervereinigung folgte die Enttäuschung. Das lässt sich an den Witzen ablesen, die in Ostdeutschland erzählt werden. »Sagt der Kunde im Osten zum Friseur: ›Das Rasieren bei Ihnen kostet seit der Wende ja deutlich mehr.‹ Sagt der Friseur: ›Na klar, die Gesichter sind ja auch länger geworden‹.« Die überwiegende Mehrheit der Ostdeutschen sagt, die Westdeutschen waren die Gewinner der Wende. Und die Westdeutschen sagen in überwiegender Mehrheit, die Gewinner waren die Ostdeutschen. Auch die rückwärtige Bewertung der DDR fällt nach wie vor unterschiedlich aus: Vor allem bei den Älteren in Westdeutschland ist nach wie vor die Meinung vorherrschend, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Die Älteren im Osten meinen das in der Mehrheit eher nicht.

FRAGE: Wie ist es um das Demokratieverständnis hier und da bestellt?
BRÄHLER: Da muss man etwas weiter ausholen. Wenn es generell um das Prinzip der Demokratie geht, sind 96 bis 97 Prozent dafür – im Osten wie im Westen. Wenn wir danach fragen, wie die Demokratie in der Verfassung festgelegt ist, bröckelt die Zustimmung im Osten bereits beträchtlich. Dann sind nur noch 60 bis 70 Prozent einverstanden. Das liegt daran, dass Elemente wie der Runde Tisch, an denen man hing, in der Verfassung vermisst werden. Wenn man danach fragt, wie Demokratie praktiziert wird, bekommt man im Osten nur noch 25 Prozent Zustimmung, im Westen immerhin noch 50 Prozent. Im Osten ist auch das Vertrauen in Institutionen und Einrichtungen wie Parteien oder Bundestag geringer als im Westen. Und ich bezweifle, dass das Vertrauen zunehmen wird. Nur das Vertrauen ins Gesundheitssystem ist bei den Ostdeutschen erstaunlicherweise höher als bei den Westdeutschen.

FRAGE: Wenn man im jeweils anderen Landesteil immer noch den Wende-Gewinner sieht, heißt das: Um
die innere Einheit ist es nicht gut bestellt?
BRÄHLER: Natürlich sind die Sichtweisen auf Arbeitslosigkeit, Lohnniveau, Infrastruktur in ländlichen Gegenden unterschiedlich. Aber was die innere Einheit betrifft: Von der Mehrzahl, vor allem von jungen Menschen im Osten, wird die Einheit begrüßt.

FRAGE: 20 Jahre wiedervereint – im Alltag dürften doch die Gemeinsamkeiten inzwischen sehr groß sein.
BRÄHLER: Klar, man muss nur das äußere Erscheinungsbild nehmen: Auf der Straße sieht man inzwischen keinen Unterschied mehr. Auch wie man sich kleidet, wie man Wohnungen einrichtet – das hat sich stark angeglichen.

FRAGE: Jemand, der aus Westdeutschland kommt und lange schon im Osten lebt und arbeitet, was sagt der: Ich komme aus Westdeutschland? Ich komme aus Ostdeutschland?
BRÄHLER: Das ist wohl eine persönliche Frage, wie die Leute sich verstehen. Interessant ist, dass eine ostdeutsche Identität nach der Wende erst gewachsen ist. Viele Ostdeutsche, die in den Westen – oder besser gesagt in den Süden – gegangen sind, wollen zwar nicht mehr zurückkehren, fühlen sich aber als Ostdeutsche. Wir finden eine Erinnerungsgemeinschaft Ost. Ansonsten fühlen sich die Sachsen schon als Sachsen. Konflikte und Unterschiede werden sich weiter regionalisieren. Dresden hat von den deutschen Großstädten derzeit die höchste Geburtenrate. Das ist erstaunlich für viele, wo man doch denkt, der Osten stirbt aus. Dennoch gibt es Regionen in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern, wo es sehr öde aussieht und alles wegbricht. Und dass Phänomen, dass die Mittelschicht abnimmt und die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird, betrifft Ost- wie Westdeutschland gleichermaßen.

FRAGE: Wie bilanziert der Mediziner 20 Jahre Wiedervereinigung?
BRÄHLER: Die Lebenserwartung war zwischen 1950 und 1990 auf über drei Jahre Differenz zwischen Ost und West angestiegen. Das hat sich inzwischen bei Frauen schon wieder ganz angeglichen. Bei den Männern sehen wir nur noch eine kleine Differenz. Was heißt: Innerhalb von 20 Jahren gab es im Osten einen eigentlich dramatischen Anstieg der Lebenserwartung. Das zeigt, dass die Transformation doch gut gelungen ist. Von der gesundheitlichen Lage her kann man zwischen Ost und West keine großen Unterschiede mehr sehen. Was die Psyche betrifft, ist der Gesundheitszustand der Ostdeutschen sogar leicht besser. Psychische Störungen treten im Westen häufiger auf.

FRAGE: Den „Kulturschock“ haben die Menschen in Ostdeutschland also gut verkraftet?
BRÄHLER: Den Begriff »Kulturschock« hat mein Kollege Wolf Wagner geprägt. Er bezieht sich eigentlich auf Einzelpersonen, die in eine fremde Kultur kommen. Natürlich gab es Unterschiede in den Alltagskulturen: Beispielsweise, dass die Ostdeutschen noch die Hände schütteln, wie es die Westdeutschen heute nicht mehr tun. Oder dass die Zimmertemperatur im Osten höher war. Für die Ostdeutschen war ein »Schock« nach der Vereinigung, dass man plötzlich Ordner für alle möglichen Versicherungen brauchte und sich um alles kümmern musste. Das Leben wurde komplizierter, bürokratischer, obwohl man dachte, die DDR sei ein bürokratisches Land gewesen.

FRAGE: Haben sich Einstellungen angeglichen – zum Beispiel zu berufstätigen Müttern?
BRÄHLER: Die Einstellung zur Berufstätigkeit der Frau ist heute im Osten noch völlig anders als im Westen. Im Westen gelten berufstätige Mütter oft als Rabenmütter. Frauen, die Kinder haben, sollen nicht arbeiten. Das wird im Osten anders gesehen, auch von den Männern: Dass die Frau längerfristig zu Hause bleiben und die Kinder versorgen soll, lehnen die Ostdeutschen eindeutig ab.

FRAGE: Hat sich bei der Einstellung im Westen nicht in den letzten Jahren – nicht zuletzt durch Ursula von der Leyen – was getan?
BRÄHLER: Ursula von der Leyen und Angela Merkel haben die CDU zwar modernisiert, aber die Vorbehalte und das Störfeuer, das sie für diese Ausrichtung bekommen, sind unüberhörbar.

FRAGE: »Verstehen« sich Ost und West? Wie war das, als Sie vor 20 Jahren in die ehemalige DDR kamen?
BRÄHLER: Da gibt es nichts Dramatisches. Der Ostdeutsche beginnt das Gespräch vielleicht eher, in dem er über irgendetwas schimpft. Der Westdeutsche eröffnet das Gespräch mit dem Wetter. Und die Verbindlichkeit im Osten ist größer: Wenn jemand sagt, ich rufe an, dann ruft er an. Im Westen sind wir da »amerikanischer«. Der Osten kam mir deshalb am Anfang auf angenehme Art etwas altmodischer vor.

FRAGE: Frage zum Schluss: Wann ist die innere Einheit vollendet?
BRÄHLER: Das Ergebnis unserer Befragung ist: Der Zeitraum für das Zusammenwachsen von Ost und West verschiebt sich nach hinten. 1990 hat man noch damit gerechnet, dass es bis zur vollzogenen inneren Einheit Deutschlands nur fünf Jahre dauern würde. 1995 waren sich die Befragten dann relativ einig, dass es 20 Jahre dauern würde. Die Zahlen von 2009 belegen nun: Es wird wohl noch länger dauern, bis Ost und West zusammengewachsen sind, vielleicht weitere 18 bis 20 Jahre. Knapp ein Drittel der Befragten meint sogar, dass dies nie der Fall sein wird.

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