Rezension zu Traditionslinien des »Unbewußten«

Psycho-Logik Bd.5, 2010

Rezension von Soeglinde-Eva Tömmel

Es ist bekannt, dass Kandidaten der Psychoanalyse im Rahmen ihres Studiums in Vergangenheit und Gegenwart lernen, Sigmund Freud habe sich wenig für die Philosophie erwärmen können. Als Quelle dienen Bemerkungen wie etwa diese: »Die Philosophie ist der Wissenschaft nicht gegensätzlich, sie gebärdet sich selbst wie eine Wissenschaft, arbeitet zum Teil mit den gleichen Methoden, entfernt sich aber von ihr, indem sie an der Illusion festhält, ein lückenloses […] Weltbild liefern zu können, das doch bei jedem Fortschritt unseres Wissens zusammenbrechen muss« (Freud, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, GA, Bd. 15, 12). Auch an anderen Stellen seines Werkes hat Freud immer wieder darauf hingewiesen, dass »es gerade unsere kurzsichtig beschränkte Kleinarbeit ist, welche deren Neuauflagen notwendig macht, und dass selbst die modernsten dieser Baedeker Versuche sind, den alten, so bequemen und so vollständigen Katechismus zu ersetzen. Wir wissen genau, wie wenig Licht die Wissenschaft bisher über die Rätsel dieser Welt verbreiten konnte; alles Poltern der Philosophen kann daran nichts ändern, nur geduldige Fortsetzung der Arbeit, die alles der einen Forderung nach Gewissheit unterordnet, kann langsam Wandel schaffen« (Hemmung, Symptom und Angst, GA, Bd. 14, 123). Philosophie als die heimliche Verwandte der Psychoanalyse oder die Philosophie als Mutter psychoanalytischen Denkens: bereits die in Freuds Formulierung enthaltene Zielsetzung beider Disziplinen enthält diese Aussage. Der Kampf um die Lösung der »Rätsel der Welt« sind Philosophie und Psychoanalyse gemeinsames Ziel, die Ersetzung des vollständigen Katechismus« durch wissenschaftliche »Gewissheit ist hingegen der wissenschaftlichen Psychoanalyse allein vorbehalten. Wenn man so will, ist darin Freuds gesamte wissenschaftstheoretische Auffassung in nuce enthalten. Ob Freuds Anspruch eingelöst werden kann, ist aber bis heute Streitgegenstand zahlreicher der Psychoanalyse benachbarter Disziplinen ebenso wie innerhalb der Scientific Community der Psychoanalytiker selbst. Diesen Umstand zu verändern, scheint Göddes Absicht gewesen zu sein: »Nach wie vor ist diese Sichtweise (der ›antiphilosophischen‹ Position Freuds) verbreitet und trägt dazu bei, dass die philosophische Tradition des Unbewussten noch immer ein Schattendasein in der Geschichtsschreibung der Psychoanalyse und Tiefenpsychologie führt«, schreibt er in seiner Einleitung (14).
Dass die bissigen Bemerkungen Freuds über Philosophie und Philosophen nicht einmal die halbe Wahrheit darstellen, zeigt Günter Gödde dann in seiner eben so material- wie gedankenreichen Arbeit in aller Ausführlichkeit und Genauigkeit. Schon vor nunmehr zehn Jahren stellte er zum ersten Mal sein umfangreiches Buch über die Traditionslinien des Unbewussten der Fachwelt vor, damals in der »Edition diskord« veröffentlicht. Nun ist es neu im Psychosozial-Verlag erschienen, in der Reihe »Bibliothek der Psychoanalyse «, herausgegeben von Hans-Jürgen Wirth. Es erscheint unter gleichem Titel und mit identischem Inhalt, erweitert nur durch eine Einleitung und eine umfangreichere Literaturliste. In seinem Werk entfaltet Gödde die These, Freud habe sich nachweislich bereits in seinen Jugendjahren für Philosophie interessiert. Darüber hinaus habe er zentral wichtige Anregungen vonseiten der Philosophie für sein vordergründig naturwissenschaftlich imponierendes Werk empfangen. Das Zentrum seiner Tätigkeit, die Erforschung des »Unbewussten« und die Konzepte der Verdrängung und des Widerstands, »Säulen psychoanalytischen Denkens «gingen auf die Philosophen Schopenhauer und Nietzsche zurück, deren Überlegungen den deutschen Idealismus ablösten. Das besondere Verdienst des Buches besteht darin, dass Göddes sorgfältige Recherchen und genaue Diskussion der philosophischen Vorgänger Schopenhauer und Nietzsche einschließlich deren empirischer Forschungen an Kranken zeigen, dass und wie Freud, anderen Meinungen zum Trotz, nicht nur Anregungen aus der Philosophie erhielt, mehr oder weniger über den (bekanntlich in vielen Teilen unbewussten) »Zeitgeist« vermittelt, sondern dass er über diese Philosophen weit hinausgegangen ist. Dies gelte nicht nur in klinischer Hinsicht, sondern insbesondere bezüglich der begrifflichen Schärfe, der wissenschaftstheoretischen Begründung und der aufgezeigten Gesetzmäßigkeit des Auftretens der erforschten Phänomene. Insofern hat Gödde die Kontroverse um die alten Fragen: Hat Freud sich für Philosophie interessiert, hat er gar entscheidende Paradigmen aus ihr bezogen, ohne diese bezüglich ihrer Herkunft ausreichend kenntlich zu machen oder war er nicht vielmehr der Philosophie gegenüber so abgeneigt, wie er sich selbst darzustellen
beliebte? – in ausführlicher Synthesis beantwortet: Freud hat sich für Philosophie mehr interessiert, als er selbst wahrnehmen wollte, er verdankte ihr wirksame Anregungen in vielerlei Hinsicht. Gerade weil er seine Arbeit von seinem Selbstverständnis her zu den exakten Naturwissenschaften rechnete, konnte er über die spekulativen Ideen und Systeme der Philosophen hinausgehen und schließlich ein Instrumentarium schaffen, das bis heute empirischer Überprüfung genügend Anregung bietet. Im Einzelnen führt Gödde seine Leser auf eine spannende Reise durch die Vorgeschichte der Philosophie des »Unbewussten« und der Begegnung Freuds mit dieser philosophischen Tradition (Kapitel I und II) über die Darstellung der Geschichte der Psychoanalyse anhand der Konzeptualisierung des »Unbewussten « (Kapitel II bis VIII) über den Vergleich der Denkstrukturen Schopenhauers
und Freuds (Kapitel IX bis X) bis zu den Ähnlichkeiten und Differenzen des Denkstrukturen Nietzsches und Freuds (Kapitel XI bis XIII). Die Zeit des 19. Jahrhunderts scheint günstige Bedingungen für die klassische Philosophie geboten zu haben, deren Credo seit Plato der unbedingte Rationalismus war, die Grundlagen des philosophischen Denkens und Seins selbst zu erforschen. Dabei stießen Philosophen wie Schelling, Schopenhauer und Nietzsche auf das, was Freud später den »gewachsenen Fels« nannte: die sich im Ungefähren, letztlich im Somatischen verlierende Spur der Triebe (des »Willens« bei Schopenhauer, des »Dionysischen« bei Nietzsche), welche in letzter Instanz die Bedingung für die Entfaltung rationalen Denkens darstellten. Ob man diese Forschungen und ihre Ergebnisse nun als »Zweite Aufklärung« bezeichnet, wie Gödde es tut, oder als »dunkle Aufklärung«, eine Metapher, die den Hinweis auf die nicht-gewollten Ergebnisse, die »Kränkungen« der Menschheit, enthält: Tatsache ist, dass die Philosophie Schopenhauers und Nietzsches und die Psychoanalyse Freuds das Denken des gesamten 20. Jahrhunderts erschüttert, beeinflusst und sogar beherrscht haben, dass sie wohl ein für allemal den Glauben des Menschen an die Dominanz seiner Ratio und die Bewusstheit seines Handelns in Frage stellten. Nur der Psychoanalyse Freuds gelang es schließlich, dieses Unbewusste selbst der Forschung zu unterwerfen und methodische Vorgehensweisen zu entwickeln, zuvor »Unbewusstes« in »Bewusstes« umzuwandeln. Allein diese Arbeit hätte ausgereicht, Freuds wissenschaftliches (und von ihm selbst antiphilosophisch aufgefasstes) Werk unsterblich zu machen. Obgleich die Darstellung der Denkverwandtschaft Freuds zu Schopenhauer und Nietzsche als solche nicht neu ist – Gödde beruft sich in der akribischen Entfaltung seiner Arbeit auf zahlreiche Aufsätze und Schriften, die sowohl die zeitweise begriffliche Nähe als auch die wissenschaftstheoretische und strukturelle Verwandtschaft Freuds mit dem Denken Nietzsches und Schopenhauers bereits herausgestellt haben –, wird der Leser mit zahlreichen Neuigkeiten und neuen Auffassungen in Göddes Buch konfrontiert. Gödde gelingt es, sowohl das, was er als »Traditionslinien« bezeichnet, als auch den im Laufe der Lektüre schließlich unbezweifelbaren Fortschritt des freudschen Denkens klar herauszuarbeiten. Angefangen vom 17. Jahrhundert, in dem sich langsam das Wissen um »unmerkliche Vorstellungen« herauszubilden beginnt, bis zum 19. Jahrhundert, in dessen Verlauf das »kognitive Unbewusste « schließlich dominiert, werden die Traditionen, die Schöpfer der Traditionen und die Umstände, unter denen diese gesellschaftlich erst entstehen konnten, in wünschenswerter Klarheit und Deutlichkeit herausgearbeitet. Drei Hauptlinien unbewusster Vorstellungen existierten schließlich nebeneinander: die der kognitiven, der vitalen und der triebhaft-irrationalen unbewussten Vorstellungen. Gödde weist darauf hin, dass diese Traditionslinien bei Freud keineswegs eine kontinuierliche Einheit bildeten. Darüber hinaus fußte Freuds psychoanalytisches Theoriegebäude außer auf den drei genannten »Traditionslinien« des Unbewussten, deren Ursprung in der Philosophie liegt, auf der Traditionslinie des genetischen Unbewussten und des klinisch–psychologischen Unbewussten, die Freud mit der Dynamischen Psychiatrie verbinden. Gödde stellt in seiner gut zu lesenden, leicht verständlichen, der Komplexität des Stoffes aber immer angemessenen Darstellung heraus, dass aus diesen Traditionslinien schließlich Freuds innovativer Beitrag resultierte, der »eine radikale Veränderung des traditionellen Arzt-Patient-Verhältnisses voraussetzte und erst dadurch die Erfassung unbewusster Sinnzusammenhänge ermöglichte. Da sein Zugang zur Sphäre des Unbewussten mit seiner therapeutischen Praxis aufs engste verbunden war, kann man von einer klinischen Konzeption des Unbewussten sprechen« (80). In dem darauf folgenden Kapitel stellt Gödde ebenso interessant wie lesenswert die verschiedenen Einflüsse und Quellen von Freuds philosophischen und medizinischen Entwicklungen heraus. Nach einem großen Hauptteil des Buches, der der Entwicklung der Psychoanalyse entlang der Theoriebildung vor dem Hintergrund einer Philosophie des Unbewussten gewidmet ist, vergleicht Gödde die Denkstrukturen Schopenhauers und Freuds, dann Nietzsches und Freuds. Die sorgfältige Untersuchung der Denkstrukturen Schopenhauers und Freuds schließlich »stützen […] die These, dass die Grundstruktur der freudschen Theorie des Unbewussten in der Willensmetaphysik Schopenhauers vorgeprägt ist« (407). Nach dem »geistigen Emanzipationsprozess«, den Freud ebenso wie Nietzsche »bereits im Jugendalter« vollzogen habe, vor allem als »Loslösung von der Religion«, sei von beiden Denkern eine Abkehr und Ablehnung jeder Metaphysik zugunsten einer »Physiologie und Psychologie der Triebe« vollzogen worden (488). In der Folge behandelte Freud konsequent jede Konstruktion einer übersinnlichen Realität als ein Phänomen, das in die »Psychologie des Unbewussten« zurückverwandelt werden müsse. Unschwer stünden Freud und Nietzsche in Hinsicht auf ihr »Streben nach Wahrhaftigkeit, ihrer Wissenschaftsgesinnung, ihrer Religions-, Vorurteils-, und Ideologiekritik« der Aufklärung im 18. Jahrhundert nahe. Gödde bezeichnet sie deshalb nachvollziehbar als Vertreter einer »Zweiten Aufklärung« (489). In seinem Schlussabschnitt »Rückblick und Ausblick« fasst Gödde noch einmal die wichtigsten Themen und Ergebnisse seiner Erörterungen zusammen. Da mittels einer Rezension nicht einmal im Ansatz dem Reichtum eines Werkes von 688 Seiten Gerechtigkeit widerfahren kann, hier nur die notwendig verkürzten Antworten: Bezüglich des Verhältnisses von Traditionsbindung zu kreativer Eigenständigkeit entscheidet sich Gödde für das Überwiegen der Eigenständigkeit. Freud sei kein »Nachdenker« gewesen (572 ff.). Für die Vernachlässigung der Philosophie des Unbewussten (darüber hinaus wohl die der Philosophie allgemein) macht Gödde im Wesentlichen wissenschaftspolitische Motivationen verantwortlich: »Freud entschied sich […] für die über Jahrzehnte konsequent durchgehaltene Strategie, sich nach zwei Seiten abzugrenzen: von der akademischen ›Bewusstseinsphilosophie‹, um nicht der Gefahr der Rationalisierung des Unbewussten zu erliegen, und von der ›Philosophie des Unbewussten‹, um nicht in das Fahrwasser der Ontologisierung des Unbewussten zu geraten« (589). Damit ist dem Autor ein Beitrag gelungen, »die Philosophiegeschichte besser als bisher in die Wissenschaftsgeschichte der Psychoanalyse und Tiefenpsychologie zu integrieren« (595); es ist ihm auch gelungen, ein überaus lesenswertes Buch zu den philosophischen Traditionslinien, die zu Freuds wissenschaftlicher Konzeption der Psychoanalyse in Theorie und Praxis geführt haben, zu schreiben, das zum vertieften Diskurs zwischen Psychoanalyse, Philosophie und Tiefenpsychologie beiträgt. Schließlich ist es ihm hervorragend gelungen, seinem selbst gesetzten Anspruch gerecht zu werden: nämlich »historisch, kontextualisierend, diskursorientiert und strukturvergleichend « (15) die Traditionslinien des »Unbewussten« herauszuarbeiten sowie dem Leser auf dieser Grundlage zu erlauben, alte Fragen auf tiefere und bewusstere Weise neu zu stellen.

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