Rezension zu Sexualitäten

Jahrbuch für Literatur und Psychoanalyse

Rezension von Annika Beifuss

Der 455 Seiten starke Band ist das Produkt der Jahrestagung der »Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie« (DGPT) 2007 in Lindau. Er befasst sich in sechs Teilen mit einem der Psychoanalyse ureigenen, ihr andererseits immer wieder zu entgleiten drohenden Thema: dem Sexuellen. Der Terminus ›Sexualität‹ beschreibt die Gesamtheit der im Sexus begründeten Lebensäußerungen; die in den letzten Jahren modern gewordene Pluralbildung des Wortes öffnet laut Einleitung den Raum für »die unendliche Vielfalt menschlicher Sexualität, ihrer Trieb und Beziehungsschicksale und Ausgestaltungen«. Der Titel und die Umschlagabbildung, welche verschiedene miteinander verwobene Geschlechtssymbole darstellt, lassen vielfältige und neuartige Ansätze zu verschiedenen Formen und Ausprägungen von ›Sexualitäten‹ erwarten. Das Versprechen der Vielfalt wird eingelöst, die Erwartung, mit neuartigen Erkenntnissen konfrontiert zu sein, nur teilweise erfüllt. Die Aufsatzsammlung bleibt stark der klassischen Psychoanalyse verhaftet und macht unter anderem deutlich, dass im Bereich der modernen Psychoanalyse durchaus Nachholbedarf in Bezug auf die gender und queer Forschung besteht.

Der erste Teil beschäftigt sich mit Sexualität aus theoretisch psychoanalytischer Sicht, der zweite mit psychoanalytischer Praxis; drittens wird Sexualität in Kindheit und Adoleszenz verhandelt. Der vierte Part behandelt die unglücklich zusammengestellte Trias »Intersexualität, Transsexualität und Forensik«, in der Einführung zu »›verstörende(n)‹ Aspekte(n) von Sexualität« verdichtet. Die beiden letzten Teile bestehen jeweils aus nur einem Beitrag und beschäftigen sich mit »Schweren Störungen« und »Sexualität in der Geschichte der Psychoanalyse«.

Christa Rohde Dachser eröffnet den Band mit dem Versuch, eine der Hysterie immanente Struktur auszumachen. Als Ursprung für die Hysterie sieht sie die Leugnung des Kindes, aus der Urszene ausgeschlossen zu sein. Stattdessen entwickle sich eine phantasmatische Ausarbeitung der Urszene, die sich in (Über )Sexualisierung oder in sexueller Askese äußern kann. Die Problematik, ob die Hysterie mit all ihren verqueren Bedeutungszuweisungen ein für die heutige Psychoanalyse zu rettendes Konzept ist, streift die Autorin nur. Diese Frage muss auch nach Rohde Dachsers Aufsatz weiter gestellt werden.

Ilka Quindeaus bemerkenswerter Ansatz, mit Hilfe der Psychoanalyse ein geschlechtsübergreifendes, »die Polarität von Männlichkeit und Weiblichkeit« überwindendes Modell der menschlichen Sexualität zu entwickeln, verdient große Beachtung. Die Basis dafür sieht Quindeau in der nicht hierarchischen infantilen Sexualität. Sowohl auf phantasmatischer als auch auf realer, (gesamt )körperlicher Ebene sind Phallizität und Rezeptivität Merkmale jeden Geschlechts, wie Quindeau ausführt.

Peter Giesers und Werner Pohlmann bestimmen »Die vier Sexualitäten der Psychoanalyse« anhand der vier Psychologien in der Psychoanalyse (Triebpsychologie, Ich Psychologie, Objektbeziehungstheorie und Selbstpsychologie) und bringen die verschiedenen Versionen in ein gültiges und Sinn stiftendes Gesamtsystem ein.

Divergierende wissenschaftliche Paradigmen aus der Psychoanalyse, der Kulturanthropologie, der Evolutionspsychologie und der Neurobiologie aufbereitend, entwirft Wolfgang Berner »Prolegomena für eine neue Theorie sexuellen Begehrens«. Berners Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Unterscheidung von innerer Motivation und (äußeren) Auslösern für sexuelle Lust, die in einer neuen Theorie des Begehrens ergänzend aufeinander bezogen betrachtet werden sollten. Berners Ansatz wertet die Beeinflussungsmöglichkeiten der Auslöser auf und plädiert für breiter angelegte Behandlungsmuster.

Nikolaus Becker bildet den Abschluss des ersten Teils mit seinen Überlegungen zum perversen Begehren. Er bestimmt dessen Ursache als Verarbeitungsmodus von Nichtverstehbarem in der präödipalen Phase.

Joshua Durban macht in seinem spannenden Aufsatz zur psychoanalytischen Praxis anhand einer Fallvignette sichtbar, dass pervers leere Sexualität als Unfähigkeit, Intimität zu ertragen, zu begreifen ist. Das Attribut ›pervers leer‹ wählt Durban, um die gefühls und sinnentleerenden Qualitäten von z.B. manischer Hypersexualisierung zu beschreiben.

Jochen Haustein, Claus Braun und Rudolph Jaspers reflektieren die Sexualisierung in der analytischen Situation, mit Schwerpunkt auf der Positionierung der AnalytikerInnen. Haustein befasst sich mit der Sexualisierung in der analytischen Arbeit und weist auf die Problematiken und Potenziale für AnalytikerIn und PatientIn hin. Braun plädiert für »Aimance« und Anerkennung als Modell für Liebesübertragungen in der analytischen Situation. Ausgehend von Laplanche sieht Jaspers den Ort der Urverführung als den Ort, an dem sich PatientIn und AnalytikerIn begegnen (müssen), um sich als Einheit wahrzunehmen, welche auch wieder zerstört werden kann bzw. muss.

Mechthild Klingenburg Vogel sieht in der Übertragungsliebe zwischen AnalytikerIn und PatientIn einen Spiel Raum im nicht orgiastischen Bereich; ein Bereich, in dem Zustände des Einsseins wie des Getrenntseins erlaubt sein müssen und dürfen.

Ungereimtheiten in Jacques Lacans Konzept des Begehrens stellt Sebastian Leikert heraus. Der Autor wirft die Frage auf, »wie in der analytischen Begegnung mit dem Begehren umzugehen sei«. Leikerts innovatives Konzept der kinetischen Semantik schlägt vor, verstärkt und systematisch musikalische und musik ähnliche Impulse des analytischen Paares in die Behandlung zu integrieren.

Karl Heinz Bomberg und Jürgen Golombek bestimmen verschiedene Handlungsabschnitte im analytischen Prozess mit Schmerzpatienten. Zentral ist den Autoren die Annahme, dass Schmerzen abgewehrte und auf den Körper abgebildete Affekte darstellen. Der Behandlungsverlauf bewegt sich entsprechend von der Konzentration auf die Körpersymptomatik hin zu unbewussten Konflikten.

Die »Paardynamik und Paartherapie bei sexuellen Problemen Älterer« gestaltet sich, wie zumindest Peter Möhrings Aufsatz glauben macht, nur unwesentlich anders als bei jüngeren Paaren. Die Fallbeispiele erläutern leider nur marginal die spezielle Dynamik älterer Paare.

Die AutorInnen Margarete Stippig, Thomas Stadler, Maria Raab, Gudrun Fuchs, Frank Seydel und Angelika Rothkegel des letzten Aufsatzes aus dem praktischen Teil gehören einer Arbeitsgruppe an, die ihren Fokus auf die synergetischen Prozesse der Erkenntnisgewinnung zwischen Kinder und ErwachsenenanalytikerInnen legen. Der Beitrag zeichnet sich durch präzise und eindrücklich beschriebene Fallvignetten aus. Das den AutorInnen gemeinsame Anliegen ist es, die Vielfalt der Erscheinungsformen des Erotischen wieder dem (erwachsenen) psychoanalytischen Diskurs zugänglich zu machen.

Thomas Hüller stellt zu Beginn des dritten Teils - Sexualität in Kindheit und Adoleszenz - den Fall eines zwölfjährigen Jungen mit dissozialem Symptom vor. Hüller sieht in der Störung der männlichen Identitätsentwicklung die »Folgen einer transgenerativen Zerstörung von Triangulierung«.

Gabriele Teckentrup fragt, unter welchen Umständen Sexualisierung in der weiblichen Adoleszenz als Ausdruck einer pathologischen Entwicklung gesehen werden muss. Das Fallbeispiel zeigt, wie eine Patientin ihr frühkindliches Trauma sexualisiert, um die Kontrolle darüber behalten zu können. Sympathischerweise erörtert Teckentrup in ihrem Fallbeispiel eine nicht erfolgreich abgeschlossene, sondern von der Patientin abgebrochene Therapie und exemplifiziert ihre Argumentation an diesem ›Scheitern‹.

Den vierten Teil zu Intersexualität, Transsexualität und Forensik eröffnet Frie¬demann Pfäfflin, dessen Arbeitsschwerpunkt unter anderem im Transsexualismus liegt. Er gibt einen Überblick über den - immer noch stark dem Konservatismus verhafteten - Diskurs zu Transsexualität und Transgender im psychologischen bzw. psychoanalytischen Bereich. Pfäfflin plädiert dafür, die PatientenInnen in ihrer Identität und ihren Wünschen anzunehmen.

Hertha Richter Appell zeigt den medizinisch fragwürdigen Umgang mit Intersexualität (z.B. geschlechtsangleichende Maßnahmen) auf und ermittelt das im psychoanalytischen Gebrauch kaum thematisierte Begehren von Intersexuellen. Sie legt dar, dass das Körperbild intersexueller Menschen entscheidend im ersten Lebensjahr geprägt wird. Von den Eltern nicht begehrte, weil geschlechtsuneindeutige Kinder haben Richter Appelt zufolge häufiger Schwierigkeiten, ein eigenes Begehren zu entwickeln.

Genderkonstruktionen im gruppentherapeutischen Setting mit Sexualstraftätern analysieren Michael B. Buchholz, Franziska Lamott und Kathrin Mörtl. Der lesenswerte Beitrag zeigt, auf welche Weise sich konversationell idealisierte Genderkonstruktionen durchsetzen, die zunächst von allen Teilnehmern geteilte rechtfertigende Züge haben, jedoch im Verlauf der Gruppensitzungen von den anderen Patienten in ihrem Konstruktcharakter entlarvt werden.

Der fünfte Teil, zu schweren Störungen und zur Behandlungstechnik, ist das Protokoll einer Debatte zwischen Peter Gabriel (Moderation), Otto F. Kernberg, Frank E. Yeomans und Heinz Weiß. Kernberg und Yeomans tragen Strategien, Taktiken und Techniken ihrer »übertragungsfokussierten Psychotherapie« (»transference focussed therapy«) für Personen mit schweren Persönlichkeitsstörungen vor. Eine wesentliche Strategie dieses Ansatzes ist die kontinuierliche Deutung der Übertragungsbeziehung innerhalb der therapeutischen Situation. Die Kritik von Weiß zielt insbesondere auf das - bei schweren Persönlichkeitsstörungen ohnehin komplizierte - Arbeitsbündnis zwischen AnalytikerIn und PatientIn ab. In Kernbergs Modell sieht Weiß die Gefahr, dass dem Analytiker bzw. der Analytikerin die Über Ich Rolle überantwortet wird, welche die Arbeitsbeziehung als solche gefährden kann.

Hans Volker Werthmann schließlich würdigt zum Abschluss des Bandes Wilhelm Stekel als »vergessenen Pionier der Psychoanalyse«. Werthmann schildert, welche (Be )Funde auf Stekel zurückzuführen sind, wie der Bruch mit Freud zustande kam und wie modern Stekels Gedanken nach heutigem Kenntnisstand zu bewerten sind.

Trotz der genannten Kritikpunkte gibt der Band wichtige Denkanstöße zu aktuellen Debatten und zur Entwicklungs und Zukunftsfähigkeit der modernen Psychoanalyse. Bis auf Quindeaus Artikel verfolgen die meisten Beiträge einen traditionell heteronormativen Ansatz. Die durch die einzelnen Analysen der Aufsätze deutlich gewordene thematische wie qualitative Heterogenität des Tagungsbandes erschwert ein einheitlich gültiges Gesamturteil. Insbesondere die Abhandlungen, die sich kritisch mit dem Selbstverständnis und der Selbstreflexion der AnalytikerInnen auseinandersetzen, sind für praktizierende PsychoanalytikerInnen empfehlenswert. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive gewinnbringende Beiträge sind unter anderem Quindeaus entgrenzender Ansatz, Berners und Leikerts Aufsätze zu den Theorien des Begehrens und Werthmanns Wiederentdeckung von Wilhelm Stekel als Autor.

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