Rezension zu Analytische Körperpsychotherapie

Psychoanalyse und Körper Nr. 179, Heft 2/2010

Rezension von Robert C. Ware

Als Doris Kalff ihre Sandspieltherapie auf einer Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für Analytische Psychologie (SGAP) Mitte der Siebziger Jahre vorstellte, kommentierte der angesehene Alt-Jungianer C.A. Meier süffisant, »Sändeln können wir ja alle!« Ähnlich verhält es sich mit der Tendenz unter Psychoanalytikern, die sogenannte »Körperpsychotherapie« in die therapeutische Schmuddelecke abzuschieben. Peter Geißlers neuestes Buch – nicht zu verwechseln mit seiner Arbeit von 1997 – stellt die »Analytische Körperpsychotherapie « (AKP) hingegen als eine ernst zu nehmende, eigenständige Gestalt intersubjektiv-interaktioneller psychoanalytischer Methodik und Theorie dar, die neben dem verbal-psychoanalytischen Vorgehen sich des vorsprachlichen, nichtsymbolisierten (prozeduralen) Beziehungswissens bedient und es dem analytischen Therapieprozess zugänglich macht.

Im Epilog des Sammelwerks Selbstregulation (Gießen 2004) schrieb Geißler: »Der ständig wachsenden Zahl an Möglichkeiten, menschliches Erleben zu verstehen, entspreche eine Vielfalt an therapeutischen Verfahren und Modellen, keine Einheitstherapie. Um Dialog gehe es in der heutigen Landschaft, um die Bewahrung von Komplexität und um gleichzeitige Komplexitätsreduktion beim Vermitteln der Inhalte, um Zugehörigkeit zu einem Ansatz, aber nachher um offenen Austausch, um eine sich öffnende Diskussionskultur und nicht um Schulenhermeneutik.« Im vorliegenden Buch setzt Geißler diesen Dialog mit sich selbst und mit neueren Strömungen psychoanalytischer Forschung und Praxis fort, indem er zunächst seinen eigenen Weg von der Bioenergetischen Analyse zur psychoanalytischen Körperpsychotherapie nachzeichnet, um dann verschiedene Stationen »auf den Spuren von Ferenczi, Balint und Winnicott« zur AKP als eigenständiger psychotherapeutischer Methode aufzugreifen und zu reflektieren.

Geißler ist ein mutiger und unkonventioneller Theoretiker und Praktiker, Dr.med. et Dr.phil., Psychologe, Arzt und Psychotherapeut, Gründer und Veranstalter des Wiener Symposiums »Psychoanalyse und Körper«, Herausgeber der gleichnamigen Zeitschrift. Zusammen mit Günter Heisterkamp gab er 2007 ein umfassendes »Lehrbuch« heraus: Psychoanalyse der Lebensbewegungen. Zum körperlichen Geschehen in der psychoanalytischen Therapie. Springer-Verlag, Wien/New York. In den letzten fünfzehn Jahren hat er zahlreiche Buchveröffentlichungen selber verfasst oder herausgegeben, u.a. die Tagungsbände der bisherigen Wiener Symposien, unlängst auch einen Sammelband (zwölf Beiträge aus der Zeitschrift »Psychoanalyse und Körper«) zum Thema des unmittelbaren Wirkungsgeschehens in handlungssymbolischen Darstellungsformen: Der Körper in Interaktion: Handeln als Erkenntnisquelle in der psychoanalytischen Therapie (Gießen 2008).

Im vorliegenden Buch stellt Geißler eigene Arbeiten vor, mit denen er den Paradigmenwechsel zu einem körperorientierten, sozial-interaktiven Verständnis in der Behandlungspraxis und in der Theoriebildung dokumentiert. AKP versteht sich als ein psychoanalytisches Verfahren in der Tradition einer relationalen (intersubjektiven) Psychoanalyse, in die sie die Erfahrungen und Erkenntnisse neuerer körpertherapeutischer Methoden integriert. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen bewusste und unbewusste Handlungsdialoge. Weitere wichtige Bausteine sind: Erkenntnisse aus der neueren wissenschaftlichen Entwicklungspsychologie, einschließlich pränataler Psychologie und Säuglingsforschung; »implizites« bzw. »prozedurales« Wissen; ein interaktioneller Übertragungsbegriff, ein differenziertes Regressionsparadigma und ein unmittelbares, basales, »präsentisches« Verstehen (S. 364f.).

Das Buch beginnt mit der Schilderung von Geißlers Werdegang aus der Bioenergetischen Analyse, die er zehn Jahre lang praktiziert hat, hin zur Psychoanalyse und von seinem Bemühen, beide Perspektiven kritisch in Einklang zu bringen. Es folgen (leider nicht numerierte) Kapitel über »die Spuren von Ferenczi, Balint und Winnicott«, den Regressionsbegriff in PA und AKP, »emotionales Signalisieren in der Kind-Eltern-Interaktion« sowie Überlegungen zur theoretischen Konzeptualisierung des Körpers in der AKP. »Heute weiß man, dass sich der Mechanismus, dem projektive Identifizierung zugrunde liegt, im emotionalen Signalisieren auf einer Mikroebene befindet, und man muss nicht mehr zu anderen geheimnisvollen Konzepten zurückgreifen«. (S. 241). Diese Mikroperspektive, insbesondere die Beobachtung von Körper-Mikropraktiken mithilfe von Videoanalysen, ist stark beeinflußt durch Methodik und Ergebnisse der Säuglingsforschung und kommt immer wieder zur Sprache, so z. B. in einem Beitrag über vorbewusste Interaktion mittels Augenkontakt (»Auge und Affekt«, S. 181–207) – in der Kleinkind-Mutter-Beziehung, in der Flirtsituation, in der therapeutischen Begegnung von Angesicht zu Angesicht. »Mit Fug und Recht [kann man] behaupten, dass der Fluss kommunikativer Signale von Auge zu Auge einen wesentlichen Beitrag dazu leistet, die Beziehung zwischen zwei Interaktionspartnern zu regulieren«. (S. 188 – Kursiv im Original). Geißler distanziert sich sowohl von dem »gleichsam medizinischen« Ein-Personen-Modell der Bioenergetischen Analyse, von der Lowen’schen Theorie der Charakterentstehung sowie auch vom Freud’schen psychosexuellen Entwicklungsmodell. Mit Daniel Stern hantiert er ein Modell parallel existierender Erfahrungsmodi, hintereinander einsetzender »Domänen des Erlebens«, die aktiv wirksam bleiben und in den Mittelpunkt des bewussten Erlebens treten oder durch aktive therapeutische Interventionen hervorgeholt werden können. Charakteristisch für AKP ist ein als offen (für aktive sensumotorische Interventionen) definiertes therapeutisches Setting. »Das therapeutische »Rollenmodell« ist in der analytischen Körperpsychotherapie ein interaktionelles« (S. 212). Dass darin auch vermehrt »Verstrickungsmöglichkeiten« hervortreten, wird ebenfalls eingehend erörtert.

Das Herzstück des Buches bilden Geißlers »Überlegungen zur theoretischen Konzeptualisierung des Körpers in der analytischen Körperpsychotherapie« (S. 229–244). Ausgehend von Sterns Domäne des Kern-Selbst-Empfindens entwickelt er ein Modell des »interaktionellen Körpers«. Besonders hervorgehoben wird die archaische strukturelle Ebene von Beziehungsregulierung und prozeduralem Beziehungswissen mittels motorisch-affektiver (Makro- und Mikro-)Interaktionen vor der Entstehung der Fähigkeit zur Mentalisierung und Symbolbildung. Interaktionen, verbale wie nonverbale, rücken in den Brennpunkt des therapeutischen Interesses. In jedweder Therapie ist es unmöglich, nicht zu handeln; stets sind Therapeut und Patient mimisch und gestisch in einem Wirkgeschehen miteinander verschränkt, von dem nur ein kleiner Teil bewusst ist. Mithilfe von Videoaufnahmen können Mikro-Interaktionen beobachtet und analysiert werden. Die AKP ist bestrebt, diese meist unbewusste Beziehungsregulierung durch prozedurale Handlungen in Enactments oder szenischen Interaktionen sich entfalten zu lassen, um sie nachträglich zu verstehen. Im Vordergrund der Aufmerksamkeit steht das nonverbale Erleben: »Sprachliche Begleitung kann stattfinden, solange sie den Erfahrungsprozess nicht stört« (S. 235) – wohl eine gewagte Behauptung für einen Psychoanalytiker! Doch im Kontext geht es Geißler um die Eruierung des vorsprachlichen interaktionellen Geschehens in der Domäne des Kern-Selbst-Empfindens.

Weitere Kapitel sind: die Körperpsychotherapie im Spiegel der Säuglingsforschung; Selbstregulation und Entwicklungspsychologie aus der Sicht der AKP; AKP als eigenständige psychotherapeutische Methode. Methode heißt dann: Man kann durch Schulung einer körperlichen Aufmerksamkeit lernen, den Körper als Wegweiser für das emotionale Erleben zu nutzen (S. 305). An den Schluss stellt Geißler einen besonders beachtenswerten Beitrag (»Die Welt ist Klang«, S. 317–348) über die Einzigartigkeit und grundlegende, auch therapeutische Bedeutung des Akustischen. »Der intersubjektiven Bezogenheit, dem Relationalen – für uns Menschen so typisch und evolutionär einzigartig – liegen Klang und Rhythmus zugrunde. Wir sprechen von Resonanz« (S. 325). Das Akustische und die Resonanz waren dann auch das Thema des 7. Wiener Symposiums »Psychoanalyse und Körper« im Mai 2009. Innovativ und kompetent erweist sich Geißler im gesamten Spektrum psychoanalytischer und körperpsychotherapeutischer Themen. Klassische Topoi wie Regression (worüber er bereits ein Buch veröffentlicht hat: Mythos Regression, Gießen 2001), Gegenübertragung, Traum und Trauma, doch auch spezifische körperpsychotherapeutische Themen wie Berührung, Motorik, Stimme, Mimik und Gestik werden erörtert. Ein besonders therapietechnisches Steckenpferd scheint ihm die sog. Live-Supervision darzustellen (S. 44ff und passim): Im Rahmen eines Supervisionsseminars bringen die Therapeuten eigene Patienten aus ihrer Praxis mit und halten mit ihnen eine Therapiesitzung vor der Kollegengruppe und dem Supervisor ab. Geißler nennt dies – ungeachtet ernstzunehmender Einwände, dass dieses Setting die therapeutische Beziehung und den Therapieprozess schwer beeinträchtigen könne – »die effektivste Form der Supervision, die ich je erlebt habe« (Psychoanalyse und Körper Nr. 15, 2009, S. 5, Anm.). An dieser Stelle, wie so oft bei konkreten therapietechnischen Fragen, müsste ein ernsthafter und kritischer Dialog ansetzen und fortgeführt werden. In seiner offenen Haltung fordert Geißler – direkt und indirekt – immer wieder dazu auf. Dem vorsichtigen Urteil von Wolfgang Mertens (Vorwort, S. 13) möchte ich das Konjunktiv (»könnte«) in einen überzeugten Indikativ (»kann«) verwandeln: »Die analytische Körperpsychotherapie [kann] ohne Bedenken zu einer wertvollen Bereicherung des bislang – sieht man von Ferenzci, Reich, Balint, Winnicott einmal ab – ausschließlich verbal orientierten Interventionsstils werden. « Mertens einschränkende Zusatzklausel … »sofern dies patienten- und indikationsangemessen geschieht«, gilt natürlich uneingeschränkt für jede therapeutische Methode. Man muss weder mit dem interaktiven, intersubjektiven noch mit dem körperpsychotherapeutischen Ansatz einverstanden sein, um von Geißler viel zu lernen. Analytiker aller Überzeugungen können aus seinen fachkundigen Darstellungen von interaktionellen nonverbalen Prozessen und deren Auswirkungen auf das dynamische Erleben der »Interaktionspartner« während der Behandlung profitieren.

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