Rezension zu Wilfred Bion

Wege zum Menschen 1/2010

Rezension von Dieter Seiler

Wolfgang Wiedemann ist Psychoanalytiker in eigener Praxis. Er ist zugleich promovierter Theologe und ordinierter evangelischer Pfarrer und »auf seinem anderen beruflichen Gleis« als Seelsorger in einem Krankenhaus tätig. Bions Bedeutung für die Seelsorge hat er bereits in einem früheren Werk übersichtlich und gut lesbar erschlossen. Die hier zu besprechende Biographie von Person, Werk und Denken des Autors ist »der psychoanalytische Bion Kern« seiner theologischen Dissertation.

Die Biographie ist in drei Teile gegliedert: Bions Leben, Wirken, Denken. Zwischen diesen Abschnitten ergeben sich immer wieder faszinierende Verbindungen, Überschneidungen einer ganz einmalige Lebens , Wirkungs und Denkgeschichte.

1. Bion, sein Leben. Lebensgeschichte, Persönlichkeit und Denken seines Autors deutet Wiedemann von zwei schweren traumatischen Erlebnissen her und stützt sich dabei auf umfangreiche Selbstzeugnisse seines Autors: a) Aus einer emotional behüteten Kindheit in Indien sieht Bion sich in die als einsame kalte Hölle empfundene Internatserziehung in England verstoßen. Der erst Achtjährige erlebt Versagen und tiefste Verzweiflung. Religion ist Teil dieses traumatisierenden Systems. b) Bion nimmt als noch jugendlicher Panzerkommandant an den grauenhaften Schlachten des ersten Weltkrieges teil, das bedeutet für ihn persönliche Katastrophe und Versagen. Der Biograph sieht in diesen Erlebnissen Bions spätere Erkenntnisse vorbereitet: »Die psychoseähnliche Isolation des heimwehkranken Schulkindes und des schwer traumatisierten jungen Soldaten«, darin das psychotische Erleben auch des gesunden Menschen und die Fähigkeit »unter Beschuss zu denken« (Bion).

Bions Weg führt im London der Nachkriegszeit über die berühmte Tavistock Klinik in die Psychoanalyse, in die eigene Praxis und in den Kreis um Melanie Klein, deren Erkenntnisse er kritisch übernimmt und weiter führt. Sein Beitrag ist eine psychoanalytische Theorie des Denkens, die er aus der klinischen Arbeit mit psychotischen Menschen entwickelt. Wiedemann beschreibt, wie sein Autor Konflikte erlebt, dann aber auch Anerkennung und Erfolg findet, diesen jedoch schwer erträgt, ähnlich der Scham anlässlich der Ehrung als Soldat durch einen hohen Orden.

Plötzlich, auf dem Kulminationspunkt seiner Existenz, bricht Bion alles ab, verlässt London, Werk und Kollegenkreis und zieht 1968, also einundsiebzigjährig mit seiner Familie in die USA.

Die folgenden Jahre schildert der Biograph als Bruch mit dem Bisherigen und als Neuanfang. Er spricht von der »Inkubationszeit eines Mystikers«. Es erscheinen keine wissenschaftlichen Abhandlungen mehr, sondern nur noch seine umfangreichen äußerst selbstkritischen autobiographischen Schriften, die Wiedemann genau recherchiert. Sie sind in ihrer Schonungslosigkeit und Tiefe der Erfahrung Vorstufen zu einer neuen Art von Religion, in der er sowohl die traditionelle Religion als auch die Religionskritik Sigmund Freuds hinter sich lässt. Wiedemann zeigt hier biographisch, wie aus dem erkenntnistheoretischen Bemühen um Erfahrung von Wahrheit (Bions »O«) der existenzielle Weg in die Mystik wird, eine geistigen Bewegung, die er als Glaubensakt (»act of faith«) versteht.

Der Aufenthalt in den USA endet plötzlich. 1979 kehrt der mehr als Achtzigjährige nach Oxford zurück. Er wünscht sich eine Reise in das Land seiner Kindheit, Indien, die nicht mehr stattfinden kann. Bion stirbt aber am 8. November 1979 in Oxford. Er hinterlässt eine kleine liebevolle Familie, respektvolle Kollegen, in den USA auch einige Verehrer, aber sein eigentliches Wirken vollzieht sich erst posthum: Bis heute erscheinen wichtige Schriften, und mit Verspätung entfaltet sich sein Denken in psychoanalytischen, philosophischen und theologischen Kreisen.

2. Bion, sein Wirken. Wiedemann referiert in diesem Teil die wichtigsten Elemente und Modelle von Bions Psychoanalyse und deren Einfluss. Vergleichbar mit Freud, aber auch im Gegensatz zu ihm, der mit der Erforschung der Neurose den Zugangsweg zum Psychischen findet, führt Bions Weg über die Erforschung des Psychotischen zu einer Theorie des Denkens. Dies wird möglich über eine Neufassung der Theorie der Psychose und eine andere Version des Ödipus (nicht über das Begehren, sondern über die Neugierde).

3. Bion, sein Denken. Unter Bezug auf die vorangegangenen Teile referiert Wiedemann Bions bekannte Modelle, die mit Lernen, d.h. der Entwicklung von Gedanken aus Erfahrung verbunden sind. Wenn sie sich der grundsätzlich unerkennbaren Wahrheit (Bios Chiffre »O«) annähern, werden sie zu Erkenntnissen (knowledge, K). Diesem Weg von der lebendigen Erfahrung zur Erkenntnis korrespondiert der umgekehrte: Wie kann aus fixierter Erkenntnis wieder lebendige Erfahrung, also Annäherung an O werden. Die Haltung des Analytikers erfordert den Verzicht oder das Auslöschen von Absicht, Erinnerung und Verstehen (no memory, no desire, no understanding), also eine passive, dem Ereignis von O gegenüber aufgeschlossene Rezeptivität, die Bion vom Analytiker fordert, dann aber auf alle geistigen Bereiche ausdehnt. Diese reine Rezeptivität ist die Haltung des Mystikers und der Ursprung religiösen Glaubens, ein Akt negativer Theologie. Wiedemann: »Die Beziehung zu O ist keine Subjekt Objekt Beziehung, sondern gekennzeichnet von Ehrfurcht und Schaudern, reverence and awe«. Wiedemann erschließt seinen Autor von diesem Gesichtspunkt, vom »Vertex Religion« aus und demonstriert in einem Kapitel den Vergleich zwischen Bion und Meister Eckhart. Dieser Zugang ist für die meisten Leser neu und überraschend. Wiedemann führt mit seiner Darstellung Bions Psychoanalytiker und auch Theologen an den Ursprungsort religiöser Erfahrung.

Zur Methode Wiedemanns: Er arbeitet - seinem Autor kongenial - mit dem Prinzip des Vertex. Außer dem zentralen, der Religion, wählt er zwei weitere: Die traumatischen Erlebnisse seines Autors in Kindheit und Krieg, ferner das Gitter des Grid als Modell der Entstehung von Gedanken. In einem solchen Verfahren gibt es keine Hierarchie von Gedanken und keine linearen und kausalen Anordnungen. Der Biograph wird, so wie der Analytiker in der Stunde, der Gleichzeitigkeit und Gegenwärtigkeit aller Phänomene gerecht. Sie sind alle aufeinander bezogen und kommen in ihrer räumlichen Verbundenheit miteinander in den Blick.

Wiedemanns große Bion Biographie kann für psychoanalytische wie auch für theologische Leserinnen und Leser ein großer Gewinn sein.

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