Rezension zu Psychoanalyse lesbischer Sexualität

Lambda Nachrichten

Rezension von Dr. Gudrun Hauer

Lesbisch leben

In »Psychoanalyse lesbischer Sexualität« will die Münchner Psychoanalytikerin Manuela Torelli anhand ihrer Erfahrungen mit lesbischen Klientinnen in der psychoanalytischen Theoriebildung wie analytischen Praxis weitverbreitete Vorurteile entlarven, so etwa das Krankheits- und Perversionsdogma. In ihrer Auseinandersetzung mit feministischen Konzepten weiblicher Sexualität konstatiert sie bei lesbischen Frauen Penisneid wie auch Gebärneid. Breiten Raum nimmt die Beschäftigung mit Abwehrmechanismen innerhalb der lesbischen Szene ein, die Torelli als Reaktionen auf Diskriminierungserfahrungen interpretiert (etwa lesbischen Separatismus). Basierend auf ihrem Ansatz des Kontinuums sexueller Orientierungen plädiert sie auch für eine weniger homophobe Auseinandersetzung seitens der Psychoanalyse selbst. Leider negiert sie in Bezug auf die Analyse von Übertragung und Gegenübertragung im psychoanalytischen Setting völlig die bahnbrechende Untersuchung Anna Koeltreuters. Ein zwiespältiger Diskussionsansatz für Leserinnen mit guten psychoanalytischen Vorkenntnissen.

Immer noch ist Constance Ohms/' wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit dem Themenbereich Gewalt in lesbischen Beziehungen einzigartig in der feministischen Gewaltdebatte und wird bis heute als Tabu behandelt - mit ein Hinweis auf den schwierigen Umgang mit Frauen als Täterinnen. In ihrer neuesten Studie »Das Fremde in mir« legt Ohms, basierend auf Methoden der qualitativen Sozialforschung, den Schwerpunkt auf die Untersuchung der Gewaltdynamiken in lesbischen Beziehungen, auf die Analyse der Wechselwirkungen zwischen Täterin und Opfer und vergleicht Gewaltbeziehungen in Liebesbeziehungen zwischen Frauen mit denen heterosexueller Beziehungen - mit Männern als Tätern. Eine sehr informative, wenngleich streckenweise schwierig lesbare Untersuchung und Pflichtlektüre für alle, die beruflich mit von Gewalt betroffenen Frauen arbeiten.

Felice Newmans lesbische Sexratgeberin »Sie liebt sie« liegt jetzt als erweiterte Neuausgabe bei Krug und Schadenberg vor. Wieder zeigt die US-Amerikanerin die Vielfältigkeit lesbischer Lustpraktiken und Liebestechniken auf - von Selbstbefriedigung über Dildospiele bis zu BDSM. Neu hinzugekommen sind u. a. Kapitel über Wechseljahre, sexuelle Traumata und Ergänzungen zur sexuellen Gesundheit. Hervorzuheben ist, dass die Autorin die sexuellen Erfahrungen unzähliger Lesben mit einbezogen hat. Und so ist das Buch eine für alle lesbischen Liebeslagen anregende Lektüre mit der Botschaft »Lesbischer Sex ist fantastisch.« Einziger Wermutstropfen ist die völlige Ausklammerung des Themas Entjungferung einer Frau durch eine Frau.

Die US-Cartoonistin Alison Bechdel ist sicher vielen deutschsprachigen Lesben durch ihre Comics »Dykes to Watch Out For« bekannt. In »Fun Home« widmet sie sich zeichnerisch ihrer Familie, insbesondere ihrem tödlich verunglückten Vater. In ihrer gewohnten zeichnerischen Qualität, die zum genauen Hinschauen animiert, ja geradezu verführt, schält sich erst peu a peu das Familiengeheimnis der Bechdels heraus: die nur mit Scham und Angst gelebte Homosexualität des Vaters, dessen Flucht in eine Ehe, die die gesamte Familienatmosphäre vergiftet. Übrigens: »Fort Home« bedeutet nicht Spaß, sondern ist eine Abkürzung für »Funeral Home«, das Begräbnisinstitut der elterlichen Familie. Ein Muss nicht nur für Bechdel-Fans!

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