Rezension zu ADHS

Ergotherapie und Rehabilitation

Rezension von Helga Ament

»ADHS« ist eine Oberflächendiagnose, die das Kind auf dieses Problem reduziert und die Suche nach Ursachen, individueller Ausprägung und Bedeutung des Symptoms verhindert – das behaupten die Herausgeber des Buches. Sie möchten die Fachwelt auf alternative Sichtweisen aufmerksam machen und ermutigen, nicht nur Medikamente oder verhaltenskorrigierende Programme einzusetzen. Berufsgruppen im psychosozialen Umfeld sollen für die inneren Nöte der betroffenen Kinder sensibilisiert und ratlosen Eltern soll Mut gemacht werden.

Verhaltensauffälligkeiten werden als Botschaften gedeutet, die entschlüsselt werden können. Unterschiedliche Fachrichtungen und Therapieansätze sollen sich dabei ergänzen – was nebenbei Modell sein soll für Hilfe suchende Familien: Keiner wird ausgeschlossen oder zum Sündenbock erklärt, jeder hat Stärken, die er einbringen kann!
Das Buch ist in drei Bereiche gegliedert: Theorieansätze, Fallbeispiele und Praxisansätze.

Im ersten Teil wird das Container-Problem AD(H)S unter psychodynamischen, beziehungsdynamischen (Bindungstheorie, frühe Regulationsstörungen) und familiendynamischen Aspekten beleuchtet. Es geht um die Frage: Warum bleibt das unerhörte (unglaubliche) Verhalten der Kinder unerhört (nicht gehört)?

Im zweiten Teil beschreiben die jeweiligen Therapeuten sehr anschaulich die Umstände, das individuell angepasste Setting, die praktische Vorgehensweise und die Ergebnisse der Behandlung von zehn Kindern zwischen fünf und 15 Jahren. Der dritte Teil erklärt das methodische Vorgehen und die Phasen der Diagnostik und Therapie (Praxeologie). Eine Praxisstudie zum Behandlungserfolg gibt zuerst einen Überblick über andere Autoren bzw. Studien; auch die Ergotherapie wird erwähnt: sie ist möglicherweise wirksam bei der Behandlung komorbider Entwicklungsdefizite und kann zur Minderung des AD(H)S beitragen durch »Anleitung zu konzentriertem und ausdauerndem Spiel und Beschäftigungsverhalten«. Dann werden die Ergebnisse einer Katamnese bei 93 Kindern vorgestellt, die in der Gemeinschaftspraxis (Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie) einer der Autorinnen behandelt wurden.

Ein Buch, das ich mir zu diesem Thema gewünscht habe! Es enthält keine für die Ergotherapie praktisch umsetzbaren Programme, aber weitet den Blick für Hintergründe und lädt ein zur Kooperation aller Fachleute untereinander und mit den beteiligten Familien!

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