Rezension zu Verletzte Seelen

Deutsches Ärzteblatt, Heft 2 / Februar 2006

Rezension von Vera Kattermann

Traumaforschung
Neugier und Verwirrung

Das Überraschende an der Psychotraumatologie als eine sich derzeit ausdifferenzierende Disziplin ist ihre steigende Popularität. Zwar lässt die von kriegerischen Konflikten gezeichnete Geschichte des letzten Jahrhunderts eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Folgewirkungen extremer Gewalt erwarten. Aber gerade deswegen erstaunt es, dass der ,,Boom" der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen erst in den letzten Jahren eingesetzt hat. So wurde das Konzept der posttraumatischen Belastungsstörung erst 1980 in das DSM III aufgenommen. Inzwischen schulen immer mehr Weiterbildungsmaßnahmen Fachkräfte in der Behandlung von Traumaopfern.

Die Frage nach den Folgen von Gewaltereignissen ist jedoch nicht nur in Bezug auf ein optimales medizinisches "Management" des Traumas zu untersuchen, sondern auch in einen historischen und kulturtheoretischen Zusammenhang einzubetten. Der Aufsatzband "Verletzte Seelen" stellt sich einem solchen Vorhaben. Die Herausgeber haben dazu sehr unterschiedliche Beiträge zusammengetragen, deren gemeinsames Interesse sich auf folgende Fragestellungen bezieht: Wie werden Gewalterfahrungen auf individueller Ebene in psychosomatische und auf kollektiver Ebene in psychosoziale Strukturen vermittelt? In welcher Weise formen derartige Strukturen den Ausdruck von Gewalt und deren Verarbeitung? Wie wird eine Kultur durch Traumatisierungen beeinflusst, und wie reagiert sie auf Traumatisierung und Traumatisierte?

Die Zugänge der Autoren zu diesen Fragestellungen sind heterogen: Der Band umfasst einerseits historische Darstellungen, wie zum Beispiel einen Artikel zur Geschichte der Traumatherapie (Venzlaff) oder einen Beitrag zum Traumatisierungsbegriff aus medizinhistorischer Perspektive (Schott). Andererseits werden aber auch Schlaglichter auf aktuelle Fragestellungen der psychotraumatologischen Forschung geworfen, wie zum Beispiel die Reaktionen von US Amerikanern auf die Anschläge des 11. September (Piven), oder die Frage nach der Glaubwürdigkeit in Erzählungen von Vergewaltigungsopfern (Künzel) gestellt. Die Vielfalt der Facetten einer historischen Traumaforschung kann so zwar einerseits die Neugier des Lesers wecken, doch auch Verwirrung stiften. Die etwas wahllos wirkende Zusammenstellung der Beiträge lässt einen roten Faden vermissen, der durch die vorgegebenen Fragen eigentlich doch hätte ausgerollt sein sollen. Vor allem aber gelingt es auch diesem Sammelband nur in Ansätzen, die beklagenswerte Spaltung der Psychotraumatologie zwischen klinisch psychiatrischer Operationalisierbarkeit und Interventionsanspruch und einem sozialen, politischen und kulturwissenschaftlichem Betrachtungswinkel zu überwinden.

So empfiehlt sich das Buch wohl vor allem all denen, die sich bereits mit historischer Traumaforschung auseinander gesetzt haben und hier weitere Anregungen durch die Diskussion spezifischer Fragestellungen finden.

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