Rezension zu Schuldbewusstsein und reale Schuld

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Rezension von Eugenia Lazaridis

In »Schuldbewusstsein und reale Schuld« betrachten Jürgen Körner und Burkhard Müller den Umgang mit Schuld, der auch für die Psychoanalyse unausweichlich ist. Da das Thema Schuld und der Umgang mit dieser zukünftig eben nicht nur in der Psychoanalyse von herausragender Bedeutung sein wird, wird eine interdisziplinäre Herangehensweise von herausragender Bedeutung sein.

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel auf 280 Seiten, die einen Überblick vom psychoanalytischen Blick auf das Verhältnis von Schuld und Schuldgefühlen über die pädagogische Arbeit mit Schuldig-Gewordenen zu den Entwicklungschancen im Kontext pädagogischer Institutionen bis hin zu den gesellschaftliche Perspektiven geben.
Den einleitenden Worten der Herausgeber über Schuld und Schuldbewusstsein folgt Mathias Hirsch im ersten Kapitel und versucht die Schuldgefühle zu systematisieren, indem er einen Überblick über diese gibt. Er erklärt kurz die Basisschuldgefühle mit der zentralen Stellung des Ödipus-Komplex, dem Schuldgefühl aus Vitalität, das unabhängig vom Ödipuskomplex ist, sowie dem Überlebenden-Schuldgefühl bedingt durch das Überleben eines traumatischen Ereignisses und dem Trennungs-Schuldgefühl, das durch Autonomiestrebungen hervorgerufen werden kann. Hierbei kann beispielsweise das Ich durch Verluste und Trauerarbeit wieder frei für Objektbeziehungen werden. All diese Schuldgefühle finden in Zitaten und Literaturverweisen Bestätigung.
Ludwig Haesler versucht den Übergang von der realen Schuld als selbst erlebte Schuld, zum Schuldgefühl, Schuldbewusstsein, zum Gewissen und dem Verantwortungsgefühl aufzuzeigen, bei denen er die immer einmaligen intrapsychischen dynamischen Bedingungen des Schulderlebens betont und somit nicht von ein und derselben Schuld oder dem ein und demselben Schuldgefühl spricht, sondern immer die personenabhängig erlebte Schuld hervorhebt.

Im zweiten Kapitel, der pädagogischen Arbeit mit schuldig gewordenen Jugendlichen, wird zu Beginn kurz das ›DENKZEIT-Training‹ von Körner vorgestellt, das auf die Reduktion der Straffälligkeit abzielt und im Weiteren die Arbeit mit einem der gefährlichen Körperverletzung schuldig gesprochenen jungen Erwachsenen, der dieses Training durchführt, anhand theoretischer Darstellungen und Auszügen aus dem Training und der Lebensgeschichte des Täters erzählt. Die Darstellung zeigt teilweise recht eindrucksvoll die pädagogischen Grenzen und die Unterschiedlichkeit der Schuldverarbeitung und die Annahme ihrer Schuld auf.
Jürgen Körner geht in dem Kapitel auf die klinische Psychoanalyse ein und versucht in dem Fall des im ›DENKZEIT-Training‹ vorgestellten Jugendlichen, auf dessen Innenwelt zu blicken und diese zu erklären.
Burkhard Müller stellt in diesem Fall die sozialpädagogische Perspektive in den Vordergrund und verweist auf die Tatsache, dass die reale Schuld nicht Gegenstand der Psychoanalyse ist, sondern die Verarbeitung der seelischen Folgen im Schulbewusstsein. In der Arbeit mit realer Schuld scheint der Begriff des impliziten Wissens von großer Bedeutung zu sein. Anhand des Beispiels von Sexualstraftätern wird hier von einem genauen Wissen dieser für die Handlungen, die sie an ihren Opfern begingen, geschildert. Auszüge aus Therapietranskripten versuchen dies zu belegen.

Im dritten Kapitel zu den Entwicklungschancen im Kontext pädagogischer Institutionen referiert Achim Schröder in ›Adoleszenz und Schuldgefühle‹ über die Liebe, Ablösung und Gewalt in dieser Entwicklungsphase des körperlichen und seelischen Umbruchs. Er beschreibt, Bezug nehmend auf Freud, die Adoleszenz als zweite Möglichkeit der Ablösung von den Eltern. Hier finden sich die Trennungsschuldgefühle wider, sowie ein Wiedererleben von Lust, Begierde und Aggression den Eltern gegenüber, die schon einmal in der Kindheit erlebt wurden. Straffällig gewordene Jugendliche wehren Schuldgefühle ab und vermeiden sie um sie unbewusst zu machen.
Manfred Gerspach nimmt sich in ›Schuld, Schuldgefühle und Ritalin‹ der sehr kritischen Diskussion um Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung und der Gabe von Methylphenidat an und verweist auf den Zwiespalt von Eltern und Kindern, sich zum einen mit einem Aggressor zu identifizieren und die Schuld anzunehmen und sich zum anderen von dem Schuldgefühl durch das Medikament zu befreien. Gleiches gilt für die Lehrer dieser Kinder.
Barbara Rendtorff thematisiert in ›Das bist du deinen Eltern schuldig‹ die Eltern-Kind-Beziehung, beginnend mit der Abhängigkeit der Kinder von den Eltern über die Unabhängigkeit und die spätere Abhängigkeit der Eltern von ihren Kindern.

Abschließend wird im vierten Kapitel zu den gesellschaftlichen Perspektiven darauf hingewiesen, dass dort, wo Menschen schuldig geworden sind, auch mit dieser umgegangen werden muss und zwar von allen, auch entfernt, Beteiligten. Sanktion, Verantwortung und Strafe sollen dem Lernen dienen und eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglichen.


Das Buch zeigt eine weit gefächerte Betrachtung von Schuld und Schulgefühlen, Schuldbewusstsein und realer Schuld aus verschiedenen Perspektiven. Kenntnisse in der Psychoanalyse sind über das gesamte Buch hinweg hilfreich, daher sind einige Passagen für Laien nicht so verständlich, allerdings gilt dies nur für einige Kapitel. Die Überleitung der Kapitel ist überwiegend gut gelungen und lässt einen roten Faden erkennen, der gerade bei psychoanalytisch nicht so Bewanderten sehr positiv erscheint und dem Lesefluss förderlich ist. Die einzelnen Beiträge sind größtenteils recht präzise und schweifen selten von ihren Kerninhalten ab. Dies lässt eine kompakte Auseinandersetzung mit der Materie zu, die bei tiefergehendem Interesse natürlich weiterer Bearbeitung verlangt, was durch die reichlichen Literaturverweise sehr hilfreich erscheint. Des Weiteren veranschaulicht die doch recht ausführliche Darstellung aus der Praxis in der Arbeit mit dem Jugendlichen in dem DENKZEIT-Training gut die Schwierigkeit von Schuldbewusstsein und realer Schuld und weist auf die Problematik, nicht nur im therapeutischen Kontext hin. Schließlich ist immer nur eine Sicht von außen auf die Schuldigen möglich. Eine andere Sichtweise auf die hochaktuelle ADHS-Problematik lässt das entsprechende Kapitel zu, und zeigt ebenfalls, dass die Gabe von Medikamenten auch psychoanalytisch nicht begründet werden kann. Sehr wichtig wird die weitergehende Auseinandersetzung von Schuld und Schuldbewusstsein in der Gesellschaft, da mit dem derzeitigen Wissen ein veränderter Umgang, sowohl für die Täter als auch für die Gesellschaft, möglich sein kann, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war.

Insgesamt lassen die Beiträge eine gute Auseinandersetzung mit der Thematik um Schuld und Schuldbewusstsein zu, mit dem Schwerpunkt der psychoanalytischen Herangehensweise. Im Hinblick darauf ist das Buch sehr zu empfehlen. Wenn keinerlei Berührungspunkte mit der Psychoanalyse bestehen, ist eher auf andere Literatur zurückzugreifen.

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