Rezension zu Die Entscheidung zur Psychotherapie

PSYCHE

Rezension von Horst Petri

»Die Verbreitung des »psychologischen Elends der Masse« (Freud) ist seit Beginn der psychoanalytischen Bewegung bis heute eine ihrer größten Herausforderungen. Die umfangreiche Psychotherapieforschung der letzten Jahrzehnte einschließlich der epidemiologischen Studien zur Prävalenz psychischer Störungen konnte aus methodischen Gründen eine Frage bisher nicht beantworten: Warum nimmt der vermutlich größte Teil der seelisch erkrankten und leidenden Bevölkerung trotz hinreichender Angebote zeitlebens keinerlei fachliche Hilfe in Anspruch? Die Frage ist für alle psychotherapeutisch orientierten Berufsgruppen insofern eine Provokation, als ihre Antworten deren professionelles Ethos und deren Eifer, zu helfen und zu heilen, möglicherweise in ihre Schranken weisen und den Betroffenen eine Freiheit und Würde zurückgeben könnten, die sie bisher gegen alle vom Helfersystem institutionalisierten Versorgungszwänge verteidigen müssen.

Auf die gestellte Frage lassen sich bisher lediglich Rückschlüsse aus vorliegenden Forschungsergebnissen zum Vorfeld der Therapiesuche und – aufnahme ziehen, weil nur diese Population sich als Patienten zu erkennen gibt. Nur bei ihnen lassen sich die verschiedenen Einflussfaktoren bis zur Therapiebereitschaft abklären, speziell der intrapsychische Prozesscharakter das gezielte Interesse auf die Tatsache gerichtet, dass, bei enormer Streubreite, Patienten im Durchschnitt sieben Jahre von der ersten Symptombildung bis zum Therapiewunsch je nach Blickwinkel des Untersuchers, »verstreichen« lassen oder »benötigen«.

Genau an diesem Punkt der kontroversen Interpretation setzt die Studie der Therapeutin und Kommunikationswissenschaftlerin Sabine Schuster an. In gründlicher Auseinandersetzung mit den vorliegenden Forschungsergebnissen und theoretischen Konzepten zur Vortherapiephase schlägt sie den prägnanteren Begriff der »Therapielatenz« vor.

Ihre Studie basiert auf der Untersuchung von 17 Patienten; 13 von ihnen stammen aus der Ambulanz des Berliner Instituts für Psychoanalyse (BIPP) vor der offiziellen Voruntersuchung; 4 von ihnen hatten bereits eine Therapie bei anderen Therapeuten begonnen.«


Zitiert aus PSYCHE. 64. Jg., April 2010.

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