Rezension zu Ist eine andere Welt möglich?

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Rezension von Dr. Jost W. Kramer

Einführung in das Thema

Anders als der Titel vermuten lassen könnte, handelt es sich bei dem vorliegenden Buch im engeren Sinne nicht um eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema der Globalisierung. Zwar spielt die Globalisierung, genauer gesagt die Art und Weise ihrer Gestaltung, durchaus eine Rolle, aber doch eher unterschwellig. Zwar ist Richter Anhänger der globalisierungskritischen Bewegung attac und bezeichnet diese in einem der Aufsätze auch ausdrücklich als »Hoffnung attac«. Im Kern geht es ihm aber um etwas anderes, das deutlich über die vergleichsweise engen Grenzen des Programms von attac hinausgeht: Ihn interessiert die Frage der gesellschaftlichen Veränderung in ihrer Organisation – hier zeigt sich die Verbindung zu attac – aber auch, und vielleicht sogar vorrangig, in ihren Personen. Die Fähigkeit der Menschen aus Erfahrungen zu lernen und daraufhin ihr Denken und Handeln zu verändern ist das eigentlich Thema der in diesem Buch versammelten Aufsätze, Vorträge und Interviews.


Aufbau und Inhalte des Buches

Das Buch ist inhaltlich in vier Themenkomplexe gegliedert, denen »statt eines Vorwortes« und geschrieben am Vorabend der amerikanisch-britischen Invasion im Irak die Skizzierung einer anderen Völkergemeinschaft als der Vereinten Nationen vorangestellt ist: Eine Völkergemeinschaft, die sich im Protest gegen den sich abzeichnenden Krieg zusammenfindet, im vielfachen Widerspruch zur lautstark vorgetragenen Kriegsrechtfertigung von Politikern und Medien, geprägt von einem Misstrauen gegen vorgeschobene Rechtfertigungen, aber auch einem Mitgefühl gegenüber den Kriegsopfern, Globalisierungsverlierern und sozial Benachteiligten. Hieran anknüpfend finden sich insgesamt fünfzehn Artikel, grob gegliedert in die Abschnitte »Ist Friedensfähigkeit noch lernbar?«, »Lernen aus Erinnerung«, »Egomanie als kulturelle Glaubenskrise« und »Psychoanalyse im gesellschaftlichen Wandel«.

Das erste Segment widmet sich der Frage nach der Lernbarkeit von Friedensfähigkeit. Darunter versteht Richter nicht allein den militärischen und bzw. oder polizeilichen Aspekt, sondern bezieht seine Überlegungen sehr bewusst auch auf den ökonomisch-sozialen Frieden. Erforderlich ist hierfür die Fähigkeit der Menschen, sich in die Person ihres Gegenübers zu versetzen – um so dessen Empfindungen und Motive mitfühlen zu können. Alle Dimensionen des Friedens setzen voraus, dass man die Welt auch »durch die Augen des anderen sieht« – nur so wird ein Mitfühlen und Mitempfinden möglich, dass eine auf Kompromissen basierende Lösung und Überwindung der Probleme ermöglicht. Richters Zweifel und Besorgnisse erwachsen gerade aus dem Umstand, dass sich augenscheinlich zumindest die USA aber auch die Massenmedien in zunehmendem Maße einer Selbstzensur gegenüber einem solchen »Mitempfinden« unterzogen haben. Nur wenn man das Leiden der anderen nicht mehr empfindet, kann man die Vernichtung der anderen propagieren, betreiben oder zumindest in Kauf nehmen, so Richters These.

Das diese Art von Mitfühlen und Mitempfinden mehr und anders ist als die platte Losung »Alles verstehen ist alles verzeihen« macht Richter im zweiten Abschnitt deutlich: Hier beschäftigt ihn auf Grund seiner eigenen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, aber auch des Links- und Rechtsradikalismus in der Bundesrepublik die Unterordnung des eigenen Geistes und des eigenen Willen unter den einer Führerpersönlichkeit oder einer Führungsgruppe. Die Übertragung der eigenen Verantwortung auf unverantwortliche Führungspersonen und -gruppen. Zugleich wird in diesen Beiträgen deutlich, was ihn an den autoritätskritischen Bewegungen von den 68ern bis attac so fasziniert: Eben deren Bereitschaft und Wille, die Frage nach der verdrängten und bzw. oder übertragenen Verantwortung zu stellen. Hier zeigt sich für ihn in typischer Weise das Phänomen, dass (ungelöste) Probleme der Elterngeneration auf die Generation der Kinder übertragen und von dieser aufgedeckt und bearbeitet werden.

Dieser Leitgedanke zeigt sich auch in den beiden Beiträgen des dritten Abschnittes, wo unter dem Stichwort der Egomanie die Frage nach Ethik und Gewissen insbesondere in der medizinisch-technischen Forschung thematisiert wird. Verfahren wie die Präimplantationsdiagnostik betrachtet Richter unter dem Blickwinkel einer »Machtausdehnung« des Menschen: Durch die neuen Verfahren und Methoden eignet sich der Mensch Schöpferfähigkeiten an, die ihn in die Nähe des Schöpfers rücken (entsprechend Richters Bezeichnung des »Gotteskomplexes«). Gleichzeitig rückt im Wertekanon der Einzelne stärker in den Vordergrund (»Generation Ich«), was Richter mit dem Begriff der »Egomanie« belegt, während Gruppe, Familie und Gesellschaft in den Hintergrund rücken.
Den Abschluss des Buches bilden drei Beiträge zur Entwicklung der Psychoanalyse. Hier bietet er nicht nur einen kurzen und pointierten Streifzug durch die Geschichte der Psychoanalyse seit Freud, sondern äußert vehemente Kritik an jenen Spielarten seiner ureigensten Disziplin, die sich auf den Einzelnen und vorwiegend auf dessen Innerstes konzentrieren, während die Interaktion des Individuums mit der Umwelt außer Betracht bleibt oder zumindest vernachlässigt wird. Diese Nichtbeachtung kann verschiedene Gestalten annehmen (biologisches Denkmodell, politische Vorbehalte oder auch enttäuschte Erwartungen an eine Neurosenprävention durch Erziehung). Hierdurch wird aber einerseits die Umwelt als mehr oder weniger fixes Datum gesehen, ohne eigene Veränderungen oder bedeutsamen Einfluss auf das Verhalten ihrer einzelnen Mitglieder. Andererseits vernachlässigt eine derartige Psychoanalyse ihre Fähigkeiten zur Analyse der Gesellschaft – und zensiert sich dadurch selbst.


Anmerkungen und Fazit

Das Buch von Richter ist insgesamt eine durchaus anregende Lektüre, wenngleich der Titel nicht gerade passend gewählt erscheint. Dem Leser wird Gelegenheit geboten, sich mit verschiedenen, aber durch die Betrachtungsweise des Autors miteinander verknüpften Themengebieten auseinander zu setzen.

Natürlich leidet das Buch unter den typischen Schwächen eines Bandes, der mehrere Beiträge eines Autors versammelt, die ursprünglich zu unterschiedlichen Zeiten für unterschiedliche Gelegenheiten und unterschiedliche Medien verfasst wurden. Die Beiträge sind uneinheitlich, entbehren einer stringenten Ordnung und weisen in mannigfacher Art und Weise Wiederholungen auf, so dass insgesamt die Gefahr des Ermüdens recht groß ist. Hinzu kommt, dass Richter dieselben Argumentationsstränge wieder und wieder verwendet, wodurch sie recht bald ihren Reiz verlieren.

Dessen ungeachtet ist es ein durchaus gut lesbares Buch, dessen Lektüre dem Leser neue Eindrücke und Gedanken vermittelt – und zudem eine Einführung in psychoanalytische Denkstrukturen und -weisen bietet.

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der Auflage von 2003 (ISBN 3-462-03253-4), Verlag Kiepenheuer und Witsch.

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