Rezension zu Opfer und Täter zugleich?

FAZ

Rezension von Katharina Rutschky

Revital Ludewig-Kedmi, eine Berliner Dissertation, verspricht nicht bloß, eine Forschungslücke zu füllen, sondern ein Tabu der bisherigen Holocaust-Forschung zu brechen. Bei ihrer wissenschaftlichen und therapeutischen Arbeit mit Überlebenden des Holocaust und ihren Nachkommen hat Ludewig-Kedmi bemerkt, daß es neben der großen Gruppe der Opfer eine kleinere gegeben hat, die auch »Täter« waren und de; ren Bewältigungsstrategien im Unterschied zu denen der normalen Opfer wir noch nicht kennen.

Die Autorin befaßt sich also mit jenen zehn Prozent, die als Judenräte in den Gemeinden und Ghettos oder als jüdische Funktionshäftlinge, »Kapos«, in den Lagern zu Helfern der nationalsozialistischen
Vernichtungspolitik gemacht worden waren. Den bestellten Judenräten zwischen Berlin, Warschau und Budapest oblag es, den bürokratischen Prozeß der Entrechtung zu organisieren und damit die Voraussetzungen für den ratenweisen Massenmord in den Lagern zu schaffen. Dort hatten die Kapos in einem psychotischen Szenario für Ordnung zu sorgen und, als selbst Todgeweihte, den handwerklichen Teil von Hitlers Rassenpolitik zu exekutieren. Was den meisten Menschen unter solchen Umständen blieb, war die unvernünftige, unausrottbare Hoffnung aufs schiere Überleben.

Bewunderungswürdig jene, die darüber hinaus ihren Kopf und ihr Herz auch im Interesse ihrer Mitmenschen weiter benutzten. Wo die Normalität suspendiert ist, ist die Frage nach dem moralischen Verhalten die Frage nach den Ausnahmen, nach Helden und Heiligen.

Die israelische Psychologin sieht das ganz anders. Ihr mißfällt, daß die Gesellschaft jene Überlebenden, die Opfer und Täter zugleich waren, mit Mißtrauen und Verachtung bedenkt, statt mit wissenschaftlichen Methoden jenes Verständnis zu produzieren, das ihre Einholung in den Kreis der Uberlebenden endlich erlauben würde. Etwa zwei Dutzend ehemalige Funktionshäftlinge und Judenräte samt ihren Familien hat die Autorin exploriert und vier von ihnen im Buch ausführlich dargestellt, und zwar mit einer hier deplaziert scheinenden Methodik tiefenhermeneutischer Wahrheitssuche, die sich auf Oevermann, Schütz und andere psychoanalytische Eklektiker beruft.

Ein Tabu bricht Ludewig-Kedmi hierzulande gewiß nicht, wissen wir doch seit Hannah Arendts Hinweis auf die Rolle der Judenräte von der schaurigen Komplizenschaft, in welche die Nazis Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft zu verwickeln wußten. Inzwischen aber haben sich die Zeiten geändert: Israelische und deutsche Rechte könnten sich in der These treffen, daß die Vernichtungspolitik der Nazis ohne die disziplinierte Mitarbeit unzähliger Juden gar nicht zu verwirklichen gewesen wäre.

In Yad Vashem, dem Zentrum der Schoah-Forschung in Israel, ist Ludewig-Kedmi auf das Buch eines deutschen Rechtsradikalen gestoßen, der mit dem Hinweis auf die jüdische Komplizenschaft die deutsche Schuld zu halbieren sucht. Die israelische Rechte hat andere Gründe, jüdische Opfer, die zu Kollaborateuren gemacht wurden, zu verdächtigen. Die Berufung auf die Erfahrung der Schoah dient einem kriegerischen, ja chauvinistischen Nationalismus zur Legitimation. Das Trauma der ahnungs- und hilflos erlittenen Vernichtung soll heute mit kompromißloser Aggressivität kompensiert werden. Die Autorin erinnert uns daran, daß die Ermordung Rabins 1995 ganz im Zeichen der erlittenen, aber so von manchen nicht akzeptierten Schoah gestanden hat. In der Auffassung einiger israelischer Rechter war er eine Art Klon jener Judenräte und Funktionshäftlinge, die den Nazis die Vernichtungsarbeit erleichtert haben. Rabins Mörder berief sich auf eine Vorschrift, die es angeblich erlaubt, jeden Juden zu töten, der Leben und Besitz eines anderen Juden gefährdet.

Die gute Absicht der Autorin, die Spaltung der israelischen Gesellschaft mit den Mitteln einer humanistischen Psychologie ein wenig zu lindern, kann nicht glücken. Die biographische Exploration sogenannter Moraldilemmata erweitert auch nicht unser Wissen über den Menschen in extremer Situation, sondern engt es auf eine schon fast obszöne Art ein. Im Einzelfall wird der Leser, wie vordem schon die Forscherin, zum Voyeur des rationalisierenden Reimes, den sich die Opfer der Schoah, die auch »Täter« waren, mühsam auf ihr Schicksal haben machen können. Die Untersuchung der Judenräte und der Funktionshäftlinge gehört in die Hände von Historikern und Soziologen, die die Organisation der Schoah erforschen. Vor der wissenschaftlichen Beleuchtung ihrer vermeintlichen Spezialpsyche sollte der Psychologe heute durch Takt geschützt sein, wenn es ihm schon an jeder Vorstellung über die Unzulänglichkeit seines Fachs angesichts von Verhältnissen mangelt, die jeder Zivilität, jeder Moral spotteten.

Rezension aus FAZ 27.Februar 2002, Nr. 49.

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